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Bénédicte Savoy: Patrimoine annexé. Les biens culturels saisis par la France en Allemagne autour de 1800. Avec une préface de Pierre Rosenberg, Paris: Éd. de la Maison des Sciences de l'Homme, 2003 (Passagen/Passages; 5). Geb., 2 Bde., 998 S., 691 Abb., EUR 94,--. ISBN 2-7351-0988-7 Rezensiert von Virginie
Spenlé M.A., TU Dresden |
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Unter dem Titel
"Angeschlossenes Kulturgut" widmet sich Bénédicte
Savoy in diesem zweibändigen Werk, hervorgegangen aus ihrer Dissertation,
den "napoleonischen Raubzügen" in den deutschsprachigen
Gebieten zwischen 1794 und 1815. Der Leser erfährt schnell, dass
der ihm geläufige Ausdruck "Raubzug" oder "Kunstraub"
ideologisch aufgeladen ist und nur mit Anführungszeichen verwendet
werden kann. In der Tat werden in dieser Studie nicht nur Ereignisse
dargestellt oder Kunstobjekte aufgelistet. Vielmehr werden die Diskurse
beleuchtet, die das französische Unternehmen ideologisch untermauerten,
und jene, die erst durch die Konfiskationen und später durch
die Rückführung der beschlagnahmten Objekte hervorgerufen
wurden. Die Sorge um das nationale Kulturerbe und die Herausbildung
einer Museumskunde werden Als Germanistin, die gegenwärtig
eine Juniorprofessur für Kunstgeschichte an der Technischen Universität
Berlin innehat, zeichnet Bénédicte Savoy die nötige
Interdisziplinarität aus, die den Erfolg dieser Publikation sicherstellt.
Durch Auswertung des umfangreichen Aktenmaterials aus französischen
und deutschen Archiven wie auch der gedruckten Quellen hat sie eine
grundlegende Untersuchung zu den napoleonischen Beschlagnahmungen
im Kontext des deutsch-französischen Kulturtransfers geliefert.
Ihre Überlegungen zu dem historischen Ablauf, den ideologisch
gefärbten Diskursen und dem Umgang mit den Objekten zeugt von
einer tiefen Kenntnis der europäischen Kulturgeschichte um 1800.
Wenngleich sich die Untersuchung keiner traditionell kunsthistorischen
Herangehensweise unterzieht, wird sie auch in diesem Fachbereich Anerkennung
finden. Denn nicht nur der zuvor erwähnte Katalog im zweiten
Band ist für Kunsthistoriker/innen wertvoll, sondern auch die
angestrebte Reflexion über die entstehende Museumskunde. Vor
dem Hintergrund eines verstärkten Interesses für Sammlungsgeschichte
dürfte diese fundierte und umfangreiche Publikation zum unverzichtbaren
Standardwerk werden. Auch in ideengeschichtlicher Hinsicht schließt
Bénédicte Savoy eine Forschungslücke. Wenn der
soziale und politische Zusammenhang zwischen Kulturerbe und Nation
um 1800, zwischen Beschlagnahmungen und entstehenden musealen Institutionen
von der französischen Forschung als ertragreiches Arbeitsfeld
erkannt wurde, so bleibt der Niederschlag dieser Ideologie und der
Konfiskationen auf europäischer Ebene zu untersuchen. Wie verarbeiteten
die "beraubten" Länder die in Frankreich gültige
Ideologie des "befreiten Kulturgutes"? Welche Auswirkung
hatte diese bei der Herausbildung einer eigenen nationalen Identität?
Die deutschsprachigen Gebiete, in denen die umfangreichsten Der erste Teil der besprochenen Arbeit widmet sich den Protagonisten und schildert den historischen Ablauf der sechs Konfiskationswellen sowie der Rückführung der Objekte nach Deutschland in den Jahren zwischen 1794 und 1815. Die Autorin untersucht im zweiten Teil die ideologische Auswertung dieser Ereignisse in der deutschen Öffentlichkeit. Schließlich rücken die Objekte selbst in den Blickfeld, wobei die Frage nach den konkreten Folgen des Transfers gestellt wird. Zwischen 1794
und 1808 wurden als Folge der militärischen Erfolge der Franzosen
mehrere deutsche Gebiete (u.a. das Rheinland, Bayern und Preußen)
von französischen Kommissaren heimgesucht, die vorwiegend Kunstwerke,
Bücher und Naturaliensammlungen konfiszierten. Nach der Niederlage
Napoleons begannen die Verhandlungen über die Restituierung der
Kulturgüter deutscher Provenienz, die 1815 zur Rückgabe
der meisten Kunstwerke führten. In ihrer Darstellung dieser Ereignisse
arbeitet die Autorin strukturelle Merkmale dieses Kulturtransfers
heraus. Zunächst verdeutlicht sie die Kontinuität zwischen
Ancien Régime und neuer gesellschaftlicher Ordnung, indem sie
etwa Neben den üblichen
Trophäen (etwa die Berliner Quadriga) waren viele bedeutende
Kunst- und Literaturdenkmäler nach Paris abtransportiert worden.
Der Ertrag der Konfiskationen war durch die Auswahl der Kommissare
sichergestellt: Es wurde zunehmend Wert auf Kennerschaft anstatt auf
Pluridisziplinarität gelegt. Renommierte Spezialisten wurden
spätestens ab 1802 eingesetzt: Jean-Baptiste Maugérard,
Bibliothekar und Buchhändler, war der geeignete Mann, um Bücher,
Inkunabeln und Handschriften für Frankreich zu gewinnen; Dominique-Vivant
Denon, Direktor des Musée Napoléon, zeichnete später
für die Beschlagnahmung zahlreicher Kunstwerke verantwortlich.
Diese Um die zeitgenössische Sichtweise der Deutschen auf diese Ereignisse zu erforschen, greift Bénédicte Savoy auf die deutsche Presse der Zeit zurück. Anhand zahlreicher Artikel, die von den französischen Konfiskationen in Italien 1796 bis zu den Verhandlungen 1815 hinreichen, weist sie auf einen wesentlichen Paradigmenwechsel im deutschen Diskurs hin. Nach anfänglichem Entsetzen über die italienischen Konfiskationen begeisterten sich die Deutschen, die noch ganz und gar von dem aufgeklärten Kosmopolitismus des 18. Jahrhundert geprägt waren, schnell für die französischen musealen Einrichtungen (sie strömten beispielsweise nach Paris, um den Louvre zu besichtigen). Dabei schienen sie kaum zu bemerken, dass ihr eigenes Kulturerbe ebenfalls entführt wurde. Erst mit der Hoffnung auf eine Rückgabe 1814 erhielt der Diskurs eine politische Färbung. Das erwachende Bewusstsein für ein nationales Kulturerbe erwies sich als besonders wirksamer nationaler Zement. Die Debatten entflammten und verhärteten sich mit der Verzögerung der Rückgaben. Inwieweit die Rückeroberung des Kulturgutes mit politischer Regenerierung assoziiert wurde, zeigen die (z.T. unrechtmäßigen) Forderungen der Deutschen im Jahre 1815: Winckelmanns Manuskripte sowie deutsche mittelalterliche Handschriften aus Heidelberg - beides von den Franzosen in Rom beschlagnahmt - sollten an Deutschland abgegeben werden, weil sie als konstitutive Elemente der nationalen Identität empfunden wurden. Die Verbindung
zwischen nationaler Identität und Kulturerbe, die die deutsche
Presse 1815 herstellte, hatte ein langes Nachleben. In Friedenszeiten
und verstärkter noch bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit
Frankreich - 1870, 1915 und 1940 - wurde immer wieder die Vermutung
ausgesprochen, dass Werke deutscher Provenienzen in Paris zurückgeblieben
seien. Derartige Fragen, Hoffnungen und Legenden, die die öffentliche
Meinung am virulentesten vor dem Ersten Weltkrieg thematisierte, wurden
durch die Unzugänglichkeit der in Frankreich aufbewahrten Akten
begünstigt. Die Autorin verfolgt die Ideologisierung der napoleonischen
Konfiskationen bis ins 20. Jh. hinein. Über die negativen Folgen
des Abtransports nach Paris hinaus (Beschädigungen, Entwertung
der Gegenstände, Verlegung in Depots oder in Provinzmuseen),
geht die Autorin auf die Vorteile dieser Standortverlegung ein. In
Paris, das sich zu Ende des 18. Jh. zur Hauptstadt Mit ihrer breit angelegten Untersuchung hat Bénédicte Savoy eine Grundlage zur Erforschung der Kulturgeschichte um 1800 geschaffen. Vor allem die Frage nach dem französisch-deutschen Kulturtransfer hat sie facettenreich beantwortet. Sie verdeutlicht, wie das in Frankreich geprägte Kulturmodell infolge des durch die Konfiskationen hervorgerufenen Traumas in den deutschen Staaten rezipiert und zur Erschaffung einer eigenen kulturellen Identität uminterpretiert wurde. Bénédicte Savoy ist es mit dieser Publikation gelungen, den äußerst komplexen Zusammenhang zwischen Kulturerbe und nationaler Identität sowie die Umsetzung fremden Gedankenguts auf kulturellem wie auch politischem Gebiet mit bewundernswerter sprachlicher und gedanklicher Klarheit darzustellen.
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Dokument erstellt am 24.01.2004