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gibt Veröffentlichungen, die ihre Möglichkeiten versäumen,
da sie weder Fragestellungen entwickeln noch weiterbringen. Der vorliegende,
von der Landesstelle für Museumbetreuung Baden-Württemberg
herausgegebene Band gehört mit wenigen Ausnahmen dazu.
Das ist schade, denn die Thematik ist angesichts des Aufsehens, das
die Diskussion um die Bombardierung deutscher Städte gerade in
diesen Tagen erlebt, hochaktuell. [1] Auch die nicht nur im Zusammenhang
mit dem Thema Beutekunst wieder aufblühende Provenienzforschung
hätte für grundsätzliche Erörterungen zur Geschichte
der Sammlungen an der Schnittstelle zwischen Diktatur und Demokratie
ausreichend Anlaß gegeben. [2] Das alles geschieht nur in Ansätzen
und macht in vielen Beiträgen einer eher antiquarisch-chronikalischen
Schau auf den Ablauf der Ereignisse Platz. Damit ist eine Möglichkeit
verschenkt, die Auseinandersetzung um die Rolle der Museen in der
Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und der beginnenden Bundesrepublik
Deutschland weiterzubringen und an die seit Anfang der neunziger Jahre
des 20. Jahrhunderts aufgenommene Diskussion der Geschichtswissenschaft
anzuknüpfen.
Der einleitende Beitrag von Dina Sonntag (Landesstelle für Museumsbetreuung
Baden-Württemberg) versucht, die politischen Grundsatzentscheidungen
insbesondere hinsichtlich der kunsthistorischen Museen nachzuzeichnen.
Dabei wird deutlich, wie sehr die deutschen Stellungnahmen zur gesellschaftlichen
Aufgabe der Museen von den Anschauungen des 19. Jahrhunderts geprägt
bleiben. Die Begründung, die Dina Sonntag für die ab Ende
der sechziger Jahre aufkommende Kritik an der Museumspolitik der Nachkriegszeit
gibt (S. 38f.), ist unvollständig, weil sie weder die personelle
Kontinuität in den Museen als wichtig ansieht noch die angebliche
Erhabenheit der Kunst über die Niederungen der Politik als Gedankenfigur
des 19. Jahrhunderts erkennt, die den Angriff des Nationalismus auf
die Institution Museum keineswegs verhindern konnte. Nationalsozialistische
Äußerungen zur gesellschaftlichen Rolle der Kunst knüpfen
im übrigen nahtlos gerade an diese Gedankenfigur an. Zudem entgeht
Dina Sonntag, dass die Entwicklung zum sog. Publikumsmuseum schon
weit früher anzusetzen ist: nämlich in der Zeit nach der
ersten deutschen Revolution 1848/1849, die damit die Wiederaufnahme
dieses Gedankens in der Weimarer Republik vorbereitet. [4] Richtig
bleibt im Ergebnis, dass die Museen in Baden-Württemberg die
von der UNESCO gedanklich vorbereitete Entwicklung vom Gelehrten-
zum Publikumsmuseum in der Nachkriegszeit zunächst verschlafen
haben.
Hier wie für die meisten anderen Beiträge fällt auf,
dass eine gründliche – auch archivalisches, ungedrucktes
Material berücksichtigende ? Aufarbeitung des Stoffes dringend
notwendig wäre. Das zeigt sich auch und gerade an dem politisch
aufmerksamen Beitrag von Manfred Fath (Städtische Kunsthalle
Mannheim), dem diese Fundierung ebenfalls fehlt. Das Schicksal der
Kunsthalle Mannheim ist ja hinlänglich bekannt, weil sie eine
der durch die Sammlungspolitik der nationalsozialistischen Regierung
stark betroffenen Institutionen gewesen ist, die wesentliche Teile
ihrer wichtigen Sammlung zur neueren Kunst durch die Beschlagnahmeaktionen
der Reichskammer der bildenden Künste verloren hat. Nur weniges
ist nach 1945 wieder in die Sammlung gekommen (S. 137f.). Besonders
interessant ist die Rolle von Walter Passarge, seit 1936 und bis 1958
Direktor der Kunsthalle. Er wehrt sich mit hinhaltendem Widerstand
gegen die Beschlagnahmeaktion und kann dadurch wenigstens kleinere
Teile der Sammlung retten. Er ist es, der durch eine entsprechende
Ankaufspolitik dafür sorgt, dass die Sammlung nach 1945 wieder
schnell ergänzt und ausgebaut wird, um die entstandenen Lücken
zu schließen. Er ist zugleich ein Beispiel für die Möglichkeit,
sich zumindest partiell dem Druck der nationalsozialistischen Diktatur
zu entziehen, ohne Risiken für die eigene Person einzugehen.
Trotz einschlägiger Äußerungen der Mannheimer Nationalsozialisten
zu Max Slevogt hat Walter Passarge 1941 ein Gemälde von ihm erworben.
Ansonsten beschränkt er sich während dieser Zeit vor allem
auf den Ankauf kunstgewerblicher Objekte, weil ihm in ihnen am ehesten
die Ideen der Avantgarde aufgehoben scheinen. Es wäre daher sinnvoll
gewesen, auf die Person Walter Passarges etwas ausführlicher
einzugehen.
Wie stark einzelne Personen eine Entwicklung vorantreiben bzw. verhindern
können zeigt beispielhaft auch die Geschichte der Sammlung Ottomar
Domnicks, der sich besonders nach 1945 dem Sammeln moderner, abstrakter
Kunst verschrieben hat. Werner Esser (Stiftung Domnick) schildert
die Auseinandersetzung zwischen Heinrich Theodor Musper, dem damaligen
Direktor der Stuttgarter Staatsgalerie, und Ottomar Domnick zunächst
um die 1952 stattfindende, die Sammlung Domnick präsentierende
Ausstellung der Staatsgalerie, dann um die kaum enden wollende Eingliederung
dieser Sammlung in den Bestand der Staatsgalerie. Wiewohl der Bezug
zum sog. Stuttgarter Aufbruch der Staatsgalerie 1998 nicht ganz einleuchtet,
wird deutlich, wie sehr auch Leute wie Heinrich Theodor Musper geglaubt
haben, dass das Zeigen abstrakter, neuer Kunst eine segensreiche Bildungswirkung
auf ein Publikum ausüben könne, das noch lange geprägt
ist durch die nationalsozialistische Verfemung dieser Kunst. Das wird
besonders in dem Beitrag von Eva Moser über die erste Nachkriegs-Ausstellung
verfemter Kunst im Oktober 1945 deutlich.
Als Glücksfall für diesen Band kann hinsichtlich der Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus der Beitrag von Gunter Schöbel (Pfahlbaumuseum
Unteruhldingen) gewertet werden, der für die Prähistorie
am Beispiel der Person Hans Reinerths diese Probleme bereits zuvor
gründlich aufgearbeitet hat. Erstaunlich ist dabei die Diskrepanz,
die sich in der Beurteilung der nationalsozialistischen Kulturpolitik
zu dem Beitrag von Gustav Schöck (Landesstelle für Volkskunde
Baden-Württemberg) auftut. Dieser will am Beispiel Albert Walzers,
der sich um die Heimatmuseen in Württemberg verdient gemacht
hat, die Kontinuität und Möglichkeit sachbezogener Arbeit
in Zeiten ideologischer Vereinnahmung aufweisen. Albert Walzer ist
Mitarbeiter von Walther Veeck gewesen, dem damaligen Direktor des
Stuttgarter Schloßmuseums (heute: Württembergisches Landesmuseum)
und zugleich Museumspfleger für Württemberg und Hohenzollern
in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Die Reichsgesetzgebung
von 1935/1936 mit der Absicht zentraler Überwachung und ideologischer
Steuerung der Museen wird mit dem Hinweis auf Veecks konkrete Arbeit
und die von ihm veranlaßten Maßnahmen verharmlost. Eine
Auseinandersetzung mit der verhängnisvollen Rolle der Volkskunde
in der nationalsozialistischen Zeit wird erst garnicht versucht. Gleichwohl
ist man geneigt, die liebevolle Beschreibung der Arbeit Albert Walzers
ernst zu nehmen, wenn nicht unklar bliebe, welche Position die genannten
Personen zum Nationalsozialismus hatten. Das mag angesichts der fachlichen
Leistungen vernachlässigenswert erscheinen, doch es steht in
diesem Zusammenhang auch die personelle Kontinuität der nationalsozialistischen
Kader bis weit in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein
zur Debatte, zumal in den Personen von Werner Fleischhauer, dem Direktor
des Schloßmuseums 1944-1945 und 1952-1967, und Paul Schmitthenner
zwei prominente Beispiele dieser Kontinuität greifbar sind. Der
Beitrag von Marc Hirschfell macht allerdings auch deutlich, dass zumindest
Paul Schmitthenner sein ästhetisches Programm, das von der Werkbund-Tradition
geprägt ist, in der nationalsozialistischen Zeit durch Kompromisse
nicht verwässern lassen will. Jenseits aller moralischen Bewertung
individueller Handlungen sind es gerade die geistigen Verwandtschaften,
die eine Auseinandersetzung mit dem Verhalten der kulturellen Eliten
Deutschlands während der nationalistischen Zeit so spannend machen.
Eine solche Spannung entsteht nur im bereits genannten Beitrag von
Gunter Schöbel. Robert Rudolf Schmidt, dessen Werdegang bereits
in dem wissenschaftshistorischen Beitrag von Jörg Petrasch geschildert
wird, begründet zusammen mit der politischen Prominenz Unteruhldingens
am Bodensee durch die erste Rekonstruktion einer Pfahlbausiedlung
die Tradition des dortigen Museums. Hans Reinerth macht sich als Schüler
von Robert Rudolf Schmidt einen Namen in der prähistorischen
Forschung durch Einführung neuer Methoden in die Archäologie
wassernaher Gebiete (z. B. Planfotografie, Pollenanalyse, Sedimentanalyse).
Hans Reinerth, dessen akademische Karriere in Tübingen nicht
weiterkommt, stößt bereits 1931 zu den Nationalsozialisten.
Er beabsichtigt, das Bild der Germanen als wenig zivilisierter Barbaren
zu revidieren und den nordischen Gestaltungswillen in den Mittelpunkt
dieser Revision zu stellen. Im Zuge der nationalsozialistischen Museumspolitik
will Bernhard Rust, damals Reichserziehungsminister, zusammen mit
den Museumspflegern des Schloßmuseums in Stuttgart (für
Württemberg) und des Badischen Landesmuseums (für Baden)
ab 1936 eine Neuordnung der Museumslandschaft, eine Ausrichtung am
völkischen Gedanken und eine entsprechende Säuberung der
Museen. Die Pfahlbausiedlung Unteruhldingen wird im Zuge der Maßnahmen
1937 Teil des Reichsbundes für Deutsche Vorgeschichte. Hans Reinerth
paßt Gestaltung und ideologische Ausrichtung an die Bedürfnisse
völkischer Geschichte an. Er zieht sich erzwungenermaßen
1945 aus der Leitung des Museums zurück. Doch erwirkt eine frühere
Mitarbeiterin von ihm bereits im September 1945 die Erlaubnis für
die Wiedereröffnung des Museumsbetriebes. 1949 werden in dem
nun entnazifizierten Museum bereits wieder 50000 Besucher gezählt.
In diesem Jahr wird Hans Reinerth wieder Leiter des Museums und verhindert
bis zu seinem Ausscheiden 1986, ja bis zu seinem Tod 1990 jegliche
Weiterentwicklung des Museums, die angesichts der seit 1955 erfolgreichen
Taucharchäologie auch am Bodensee dringend geboten gewesen wäre.
Dass ein vom Badischen Staatsgerichtshof für politische Säuberung
1949 mit entsprechenden Sühneauflagen als schuldig Gesprochener
so lange Einfluß haben kann, bleibt ein Vorgang, der wohl nicht
allein dem sich rasch einstellenden Besuchererfolg des Pfahlbaumuseums
nach 1950 zuzuschreiben ist.
Insgesamt sind einige der Beiträge anregend und eine Aufforderung
zu weiterer, tiefer gehender Forschung, die am Beispiel der Museums-
und Aussellungspolitik mehr über den Zusammenhang von geistiger
Vereinnahmung, geistiger Verunsicherung und geistiger Neuausrichtung
in der Zeit um 1945 sagen könnte. Dazu bedürfte es archivgestützter,
aufwendigerer Untersuchungen, als sie hier vorgelegt werden konnten,
und einer stärkeren Einbettung der Fragestellungen in die aktuelle
wissenschaftliche Diskussion.
Anmerkungen:
[1] Jörg Friedrich: Der Brand: Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945,
Berlin 2002.
[2] Andreas Grote (Hg.): Macrocosmos in Microcosmo: die Welt in der
Stube. Zur Geschichte des Sammelns 1450 bis 1800, Opladen 1994 [Berliner
Schriften zur Museumskunde 10].
[3] Peter Schöttler (Hg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft
1918-1945, Frankfurt am Main 1997; Winfried Schulze / Otto Gerhard
Oexle (Hgg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt
am Main 1999.
[4] Dazu Walter Hochreiter: Vom Musentempel zum Lernort. Zur Sozialgeschichte
deutscher Museen 1800-1914, Darmstadt 1994.
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