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Susanne
Hauser: Metamorphosen des Abfalls. Konzepte für alte Rezensiert von |
| Industriebrachen und Abfallhalden mutieren zu Kultur und Erbe, zu Natur und Landschaft. (Hauser 2001, S. 285) Die Wenigsten werden hinter dem Titel "Metamorphosen des Abfalls" einen exzellenten Beitrag zur zeitgenössischen Musealisierungsdebatte vermuten, besonders, wenn das Buch vornehmlich den Blick auf "Konzepte für alte Industrieareale" lenkt. Mitarbeiter von Technik- und Freilichtmuseen werden schon sehr viel eher den unmittelbaren Zusammenhang von alten Industriearealen mit Museumssammlungen ziehen, gehören historische, landschaftliche Environments in den Bereich ihrer museologischen Aufmerksamkeit. Die profunde Auseinandersetzung Susanne Hausers mit Verfahren des Umgangs mit (vornehmlich postindustriellen) Abfall geht von einer theoretischen Diskussion um die Begriffe Abfall, Müll und Ordnung aus. Sie führt zu Beschreibungen und Beurteilungen von Verfahren der Wiederverwertung. Drei Strategien für aufgegebene Gelände werden von Hauser als typisch charakterisiert und als Muster begriffen. Das Ziel der ersten Strategie ist eine erneute gewerbliche, zumindest gewinnbringende Nutzung des jeweiligen Gebietes, beispielsweise als Einkaufs- Vergnügungs- oder Dienstleistungszentrum, als Technologie- oder Bürostandort, sogar als Wohnanlage. Demgegenüber stellt die zweite Strategie die Vergangenheit der Anlagen in ihr Zentrum. Sie zielt somit in erster Linie auf die Unterschutzstellung, den Denkmalschutz oder eine teilweise oder völlige Musealisierung, die primär den Erhalt der ansonsten aufgegebenen und verlorenen Bauten und Dinge beabsichtigen. Häufig ist damit eine touristische Nutzung verbunden, wobei jedoch eine Gewinnerzielung oft unrealistisch ist. Die dritte Strategie schließlich verfolgt das Ziel einer "grünen Lösung". Diese kann von sehr unterschiedlicher Qualität sein: von der völligen Umgestaltung des Geländes durch Parkanlagen oder Gartenschauen mit Freizeiteinrichtungen zu Begrünungen und Bewaldungen ohne genau definierte Nutzungsansprüche, von Entwürfen, die übriggelassene Strukturen und neu entstandene Biotope integrieren, bis hin zu rein konzeptuellen Umdeutungen, die das Vorgefundene als neue Natur deuten. In der Diskussion um das Verschwinden des Abfalls wird ein im Museumskontext eher ungeübter Blick auf das zu musealisierende Material geworfen, da nicht aus der Perspektive des Erhaltenswerten, sondern des Unbrauchbaren argumentiert wird. In der strukturalen Beschreibung der Beziehung zwischen Müll als das Verworfene schlechthin und Abfall als das zwischen Verworfenem und Wiederverwendbarem Unentschiedene wird die grundsätzliche Frage nach den Kriterien des Erhaltenswerten und des Verworfenen gestellt. Gemäß der genannten Definitionen von Müll und Abfall widmet sich das Museum vornehmlich dem Abfall, welchen es aus der Position der Unentschiedenheit befreit. Denn um den Prozess der Musealisierung auszulösen, wird die Entscheidung zwischen Verwerfen und Wiederverwenden getroffen. Wiederverwenden heißt dann, Dinge zu bewahren, zum Zweck "der Herstellung einer Vergangenheit, einer Identität, einer Geschichte" (S. 85). Der Begriff der "Herstellung" mit den impliziten Konnotationen von Produktion und Konstruktion ist hier nicht zufällig gewählt. Denn "diese Wahl (zwischen Bewahren oder Verwerfen; J.S.) reduziert bereits, gezielt oder nicht, gewollt oder ungewollt, das, was dem sinnlichen Zugang zur Erinnerung geboten wird. Die Auswahl des Erhaltenswerten "vollzieht" Geschichte, bestimmt das Erhaltenswerte und verwirft anderes." (S. 99) Diese Haltung hat für die Museumspraxis in Bezug auf die Sammlungs- und Ausstellungstätigkeiten gravierende, leider noch nicht allgemein anerkannte und berücksichtigte Konsequenzen. Denn entgegen dem Wunsch nach einer Vollständigkeit der Sammlung, welche letztlich die Musealisierung der Welt provoziert, wird hier das Fragmentarische vorausgesetzt und der individuelle Blick auf die zu sammelnden und gesammelten Dinge akzeptiert. Einer diskurstheoretischen Lektüre verpflichtet definiert Hauser: "Musealisierung ist heute eine Strategie, über die umfassend das Vorgefundene neu bestimmt werden kann, um zum Material einer neuen Erfindung der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft zu werden." (S. 85) Mittels musealisierender Praktiken können so Modelle einer nachindustriellen Umwelt erzeugt werden, denn "...erst indem Musealisierung als eine Möglichkeit der Konstruktion einer Geschichte für die Zukunft und nicht nur der Rekonstruktion von Vergangenheit in Planungen integriert wurde, konnte sie zu Verfahren der Wieder-Holungen ganzer Regionen werden..." (S. 85). Musealisierung wird nach Hauser zu einer Strategie der Erzeugung von (Gegen)Welten. Diese Strategie ist bedeutsam gerade in Anbetracht der negativen Kodierungen aufgegebener Industrieareale, welche bis in die 80er Jahre deren Anerkennung als technische Kulturdenkmale verhinderte. Das Ziel der Untersuchung
Hausers ist: "...die Art der Veränderungen als Erzeugung
und Expansion neuer Konzepte der Stofflichkeit und des für Planung
und Kontrolle verfügbaren Materials kenntlich zu machen, ein
zweites ist es, zu zeigen, inwiefern die Vernichtung des Abfalls die
Strategien gleichzeitig dementiert und nutzt, mit denen sie ins Werk
gesetzt wird (!)." (S. 14) Neben der Musealisierung werden Denkmalschutz,
Naturalisierung und Verlandschaftung als weitere Verfahren des Umgangs
mit alten Industrieanlagen vorgestellt. Entgegen der Intention zu
Geschichtskonstruktionen gewinnen die alten Anlagen in den nicht musealisierenden
Verfahren symbolischer und ästhetischer Umnutzung und Umdeutung
neue Funktionen. Die materialen und symbolischen Potentiale der Industriebauten
werden respektiert, aber in einem Prozess der Monumentalisierung neu
in den Dienst genommen. Ein dagegen nicht auf Erhaltung gerichtetes
Verfahren in der Auseinandersetzung mit dem Vergehen von Dingen, Bauten
und Stoffen ist die Akzeptanz des Verfalls. Die Begründung für
eine bestimmte Art und Weise des Umgangs mit und der Planungen für
postindustrielle Landschaften findet Hauser in der Art der aktuellen
sinnlichen Wahrnehmung, dem spezifischen Blick, der von Planern auf
diese Landschaften gerichtet wird. Signifikant für die neuesten
Entwicklungen ist eine erkennbare Haltung zur Sichtbarkeit, d.h.,
dass möglichst vollständig alles Sichtbare einer potentiellen
Verwertbarkeit unterworfen wird. Damit entzieht sich nichts einer
möglichen Konstruktion. |
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Museen
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Dokument erstellt am 2.11.2002