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Annette Noschka Roos (Hg.): Besucherforschung im Museum. Instrumentarien zur Verbesserung der Ausstellungskommunikation, München: Deutsches Museum, 2003 (Public Understanding of Science: Theorie und Praxis; 4). Br., 176 S., graph. Darst. ISBN 3-924183-77-5 Rezensiert von Prof.
Dr. Michael Parmentier, Institut für Allgemeine Pädagogik (Schwerpunkt
Museumspädagogik), |
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Man kann im Museum
einen Ort des Lernens sehen, an dem die wissenschaftlich gesicherten
Bestände unserer Kultur und Geschichte, wie in der Schule, nur
anders, geordnet und einem erkenntniswilligen Publikum präsentiert
werden. Man kann das Museum auch als eine Vergnügungsstätte
betrachten, die als Werbeträger in der Konkurrenz mit dem Fernsehen
und allen anderen Anbietern der Freizeit - und Kulturindustrie um
die höchsten Einschaltquoten kämpft. Und man kann die Wahrheit
irgendwo in der Mitte vermuten und im Museum heute Doch wie auch immer die Realität des Museums beschrieben oder seine Zukunft prognostiziert wird, an dem, was wir uns gewöhnt haben in Anlehnung an den englischen Ausdruck "visitor research" hierzulande "Besucherforschung" zu nennen, kommt man offenbar in keinem Fall vorbei, weder an einer genauen Besucherstatistik, die Aufschluß gibt über das sogenannte "Besucherprofil", also die Häufigkeit und Verteilung von Besuchermerkmalen wie Alter, Geschlecht, soziale Herkunft, Bildungsniveau, Besuchsmotive usw., noch an einer Ausstellungsevaluation, die durch Interviews und Verhaltensbeobachtungen die Besucher in die Ausstellungsplanung und -gestaltung einbezieht und auf diese Weise hofft, die Verständlichkeit und Attraktivität des musealen Angebots erhöhen zu können. Über den Stand dieser Art von Besucherforschung, über ihre Ansprüche und Aufträge, ihre Verfahrensweisen und Resultate, sind wir in den letzten Jahren vor allem durch die Beiträge des Instituts für Museumskunde in Berlin, den informativen Sammelband "Museen und ihre Besucher", den das Haus der Geschichte in Bonn herausgebracht hat, [1] und die zahlreichen Veröffentlichungen von Hans Joachim Klein, Heiner Treinen und Bernhard Graf leidlich informiert worden. Inzwischen ist diese "Besucherforschung" in all ihren Varianten aus der Museumsreformdiskussion nicht mehr wegzudenken. Im Gegenteil: es scheint fast so als hätte sie in Umfang und Gewicht die "historische Museumsforschung" schon überholt und wäre unter allen museumsbezogenen Forschungsrichtungen zu einer Art Leitdisziplin avanciert. In dieser Situation
braucht man für die Besucherforschung sicher keine argumentative
Lanze mehr zu brechen. Die neueste Aufsatzsammlung unter dem Titel
"Besucherforschung im Museum" hält sich dann auch in
der Gewißheit, auf dem sicheren Boden einer etablierten Forschungsrichtung
zu stehen, mit umständlichen Rechtfertigungen nicht mehr lange
auf. Sie möchte vielmehr in den Worten der Herausgeberin Annette
Noschka-Roos vor allem "beispielgebend sein". Und das ist
sie auch. Der in der Reihe "Public Understanding of Doch über
diesen kleinen Schönheitsfehler auf dem Titelblatt wird der Leser
schnell hinweggehen, um sich in die Argumentation der einzelnen Aufsätze
zu vertiefen. Den Reigen eröffnet Annette Noschka-Roos mit einem
Rückblick auf die Geschichte des Deutschen Museums, den man getrost
als eine Erinnerung, ja als eine Hommage an Georg Kerschensteiner
und sein bildungstheoretisch begründetes Konzept des Museums
als "Volksbildungsstätte" lesen kann. Tradition verpflichtet.
Schon damals, in der ersten Phase der Besucherforschung, wurde versucht,
die Bildungswirkung des Ausstellungsarrangements einer systematischen
empirischen Beobachtung zugänglich zu machen, wenn auch, wie
Noschka-Roos nahelegt, noch mit unzureichenden Mitteln. Erst in der
zweiten Phase der Besucherforschung, Ende der 1960er Jahre im Zusammenhang
mit der großen Bildungsreformbewegung und unter dem Eindruck
amerikanischer Vorbilder, kam es dann zu einem Ausbau Wie Besucherforschung
unter den Bedingungen dieser dritten Phase aussieht, welche Fragen
sie aufwirft, welche Methoden sie anwendet und zu welchen Ergebnissen
sie kommt, das zeigen nun "beispielhaft" die weiteren Aufsätze
des vorliegenden Bandes. Herausragend in der luziden Darstellung vor
allem die beiden Studien von Hans Joachim Klein. Die erste, die er
mit Martina Blahut zusammen verfaßt hat, gibt eine höchst
instruktive Zusammenfassung der Besucherstrukturanlayse, die Ende
der 1990er Jahre am Deutschen Museum durchgeführt wurde. Und
die zweite Studie, für die er allein als Autor zeichnet, belegt
unter dem Titel "Publikums-Barometer" am Beispiel einiger
Ausstellungen im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe überzeugend
und in aller nur wünschbaren Klarheit den Nutzen kontinuierlicher
Besucheranalysen. Gegenüber
den methodisch transparenten und ertragreichen Darstellungen von Hans
Joachim Klein und Martina Blahut fällt die Studie von Doris Lewater
deutlich ab. Der Focus ihrer Aufmerksamkeit ist sehr eng begrenzt
und ausschließlich auf das Publikum der Pharmazieabteilung des
Deutschen Museums gerichtet. Dennoch wird man den Eindruck nicht los,
dass sich die Autorin etwas zu viel vorgenommen hat. Die Darstellung
wirkt überladen, umständlich und wenig inspirierend für
den Leser. Natürlich erfährt man auch hier einiges über
die Anteile der verschiedenen Besucherkategorien, über Publikumsurteile
und -einschätzungen. Aber die Relevanz der Befunde ist für
einen Außenstehenden nicht immer einsichtig. Das Besucherprofil
der Pharmazieabteilung entspricht mehr oder weniger dem Besucherprofil
des Deutschen Museums: überdurchschnittlich hohe Bildungsabschlüsse,
Überhang an männlichen Besuchern in den älteren Jahrgängen,
Schwerpunkt der Aber die Autorin
denkt nicht daran sich zufrieden zu geben. Sie versucht zu differenzieren
und quetscht dabei mit der Unerbittlichkeit eines hungrigen Empirikers
ihre 280 Interviews so lange aus, bis die Befunde die Grenze zur Trivialität
erreichen. Dass die 350 000fach vergrößerte und begehbare
menschliche Zelle im Mittelpunkt des zentralen Ausstellungsraumes
von den meisten der befragten Besucher (27,5%) zur Hauptattraktion
der Abteilung erklärt wurde, weil sie sich von der "anschaulichen,
dreidimensionalen optischen Darstellung" (48,8%), ihrer "Erlebbarkeit"
(11,7%), ihrem "interessanten, attraktiven Aussehen" (10,4%)
und ihrem "Informationsgehalt" (9,1%) angesprochen fühlten,
scheint mir zum Beispiel ziemlich wenig aussagekräftig. Jedenfalls
sehe ich nicht, wie sich daraus "Hinweise auf relevante Gestaltungsaspekte"
für "künftige Ausstellungen" entnehmen lassen,
die über das hinausgehen, was jeder Ausstellungsmacher ohnehin
weiß. Jeder Ausstellungsmacher weiß auch, dass "die
attraktivsten Medien nicht gleichzeitig die informativsten" sein
müssen (61). Dafür braucht er keine aufwendige empirische
Untersuchung. Auch nicht für die Einsicht, dass die Fachleute
unter dem Publikum in dem einen oder anderen Gebiet, z. B. dem der
Medikamentenentwicklung, mal etwas mehr wissen wollen als der Durchschnittsbesucher
oder dass die Besucher denjenigen Themen eine besondere Bedeutung
zusprechen, "die es potentiell erlauben, einen persönlichen
Bezug herzustellen" (56) und diejenigen Geräte am wenigsten
mögen, die nicht funktionieren, weil sie defekt sind. (63). All
dies ist genauso einleuchtend wie trivial. Schwierigkeiten habe ich
auch mit dem, was die Autorin "motivationale Wirkung" oder
"motivationale Effekte" nennt. Die Kategorie ist vielleicht
in der Konsumentenforschung nützlich, um den Grad der Kaufbereitschaft
zu messen. Für die Erforschung musealer Das gelingt auch den restlichen Beiträgen des Bandes nicht ganz. Immerhin ergänzen sie sich zusammen mit den schon genannten Aufsätzen wechselseitig zu einem anschaulichen Bild dessen, was Besucherforschung heute ist. Hermann Schäfer bekundet einmal mehr seinen Glauben von der "Unersetzlichkeit" dieser Disziplin und gibt erstmals einen vollständigen und lehrreichen Überblick über alle Studien, die zum Zweck der Besucherforschung im Haus der Geschichte in Bonn durchgeführt wurden, "einschließlich zusammenfassender Hinweise, wo wesentliche Erkenntnisse lagen, mit wem wir zusammengearbeitet haben und inwieweit uns diese Studien halfen und helfen, effizienter, überzeugender und vor allem besucherorientiert, also erfolgreich zu arbeiten." (89) Die knapp referierende Zusammenstellung dieser Forschungen erfüllt in ihrer additiven Form vielleicht nicht die höchsten literarischen Formansprüche, aber sie ist doch so differenziert und anschaulich ausgefallen, dass sie mir im Sinne eines "Appetitanregers" zur ersten Einführung in die vielfältigen Erscheinungsformen und Verfahrensweisen der Besucherforschung sehr gut geeignet erscheint. Die beiden letzten Aufsätze behandeln das "Lernen im Museum und Science Center" (Kerstin Haller) und die "Stärken, Schwächen und Potentiale des Rafael Roth Learning Center" im Jüdischen Museum in Berlin (Christiane M. Birkert). Alles in allem
liegt hier ein Band vor, der in seinen Stärken und in seinen
Schwächen einen hervorragenden Einblick bietet in die Wirklichkeit
der gegenwärtigen Besucherforschung und allen, die nicht nur
an der "Objektivität" der Ausstellung, sondern auch
an der "Subjektivität" ihrer Anmerkung: |
© VL
Museen
Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 24.01.2004