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Peter
Blickle / André Holenstein / Heinrich Richard Schmidt / Franz-Josef Rezensiert von: |
| Ein Blick sagt mehr als tausend Worte! Trifft dieser Satz zu, dann ergoss sich alltäglich um die spätmittelalterlichen Gläubigen bei ihrem Gang zur Kirche ein semantisches Unwetter. War es die magische Gewalt in den Blicken der alten Heiligen, welche die Protestanten im 16. Jahrhundert plötzlich zu so heftigen Reaktinen und Abwehrmaßnahmen gegenüber der Macht und Kraft der alten Bilder und Figuren antrieb? Den Blick der Gläubigen nach innen zu kehren und das Wort allein, das Wort der heiligen Schrift, in der Predigt auszulegen, das scheint den Beginn der asketischen protestantischen Kultur zu markieren. Aber Verinnerlichung alleine und asketische Abkehr der optischen Reize lässt im kirchlichen Sakralbau die alten Bilder nicht ergrauen, Heiligenfiguren und deren Verehrung nicht verkümmern. Erst nachdem sie zu Götzen und damit zu wirksamen, aber eben feindlichen Mächten in der menschlichen Kommunikation mit der göttlichen Gnadenquelle erklärt worden sind, verbindet sich das protestantische Wort mit der bilderstürmerischen Tat. Der Rat in den Städten lässt aus seinen Kirchen Heiligenfiguren fortschaffen oder schaut zu, wie seine aufrührerische Gemeinde die bis eben noch verehrten Figuren zerstört und verhöhnt. Kirchen verändern ihr Gesicht; das Strahlen goldglänzender Figuren erstirbt, die wappengeschmückten Kapellen verschwinden. Das etablierte kultische System scheint in seiner liturgischen Dimension revolutioniert oder fast ganz zerstört. Das Bild wird frei von kultischer Last und degeneriert oder erblüht - je nach Gesichtspunkt - als bloß ästhetisches Objekt. Und der Protestantismus, zuletzt unter kundiger Leitung Max Webers, begibt sich auf seine große Reise, die Welt im Zeichen des heiligen Wortes zu säkularisieren. Auf solche Interpretationsangebote
zum historiographisch bereits etablierte Phänomen des reformatorischen
Bildersturmes, hätte das Berner Historische Museum zurückgreifen
können, als es die unlängst aufgefundenen Überreste
demontierten altgläubigen Kirchenschmucks aus dem eigenen Münster
unter dem Titel "Bildersturm - Wahnsinn oder Gottes Wille?"
im Jahr 2000 präsentierte.[1] Peter Blickle,
der nach eigenem Bekunden für die inhaltliche Ausrichtung des
Kongresses verantwortlich war, gewährt in Vorwort und Einleitung
Einblick in die Genese des Projekts. Die historische Erfahrung reformatorischer
Bilderstürme in der Schweiz und am Oberrhein war in einen breiteren
geographischen Kontext zu stellen. Wer den Band studiert hat, weiß
nun dank Margaret Astons beispielreichen Ausführungen, wie langsam
und gründlich sich das allmähliche Ausradieren von Kreuz
und Kruzifix bis ins 17. Jahrhundert in den englischen Kirchen vollzog;
er stößt bei ihr auch statt auf eine sozialgeschichtliche
Analyse auf die Beobachtung, dass dort, wo in den Kirchen das Kruzifix
hing, nicht selten das Wappen des Monarchen angeheftet wurde. Gudrun
Litz informiert darüber, dass anders als die Paradebeispiele
tumultuarischer Bilderstürme nahelegen mit Blick auf die schwäbischen
Reichsstädte festzustellen ist, dass vom Sturm nicht durchweg
die Rede sein kann. Nicht selten werden die nunmehr anstößige
Bildwerke nach Anordnung des Rates lediglich weggeräumt oder
den alten Stiftern restituiert und gleichsam beiseite gestellt. Das Resultat des
phänomenologischen Zugangs: Inkommensurabilität der Ergebnisse
und Kategorien, sooft der gemeinsame historische Kontext fehlt. Eine
Alternative hätte sich nur ergeben, wenn, wie Blickle freimütig
formuliert, ein gemeinsamer Begriff über das, "was beim
Bildersturm vorliege", Bestand gehabt hätte; ein solcher
Begriff fehlt aber. Dass man angesichts der vielfältigen und
fast durchweg sorgfältig ausgearbeiteten Beiträge, die hier
nicht im einzelnen gewürdigt werden können, dennoch nicht
ins Bodenlose taumelt, liegt an zweierlei. Der Band profitiert von
seiner Fokussierung auf den protestantischen Bildersturm als einem
konkreten historischen Geschehensbereich. Das Thema bändigt.
Außerdem bietet die konzeptionelle Nachbereitung der Beiträge
Resümee ("Diskussionsbericht und Synthese") durch zwei
der Herausgeber, André Holenstein und Heinrich Richard Schmidt,
eine glänzende Verknüpfung der Aspekte, die von den Autoren
und Autorinnen des Bandes zusammengetragen werden. Spätestens
dort wird man auf einen Knüller hingewiesen; doch davon später. Bernd Roeck stellt unmissverständlich klar, dass das Bild sich nicht selbst als historisch verwertbares Faktum herstellt, sondern erst die kulturbedingte Wahrnehmung. Diese und nicht jenes gelte es deshalb zu untersuchen. Dabei erörtert Roeck zur Macht des Bildes einen in diesem Kontext überraschenden Aspekt. Während andere Autoren wie Hans Belting, der in starker Anlehnung an seinen Klassiker "Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst" von der Emanzipation des Kunstbildes vom Kult durch die protestantische Theologie spricht, [4] und Oskar Bätschmann, der mit Leon Battista Alberti eine rein dem Kunstgenuss verpflichtete Renaissancekunst beobachtet (S. 359ff), von einer Ästhetik sprechen, die sich ganz und gar ins bürgerliche Kunstparadigma zu fügen scheint, führt Roeck Belege dafür an, wie die alte Kultmagie von einer Magie der Kunst, die das Naturähnliche auf das Bild zaubern kann, abgelöst wird. Das Bild erscheint noch lange nicht als arbiträres Zeichen. Vor Missverständnissen der Art, dass der Bildersturm sich einfach aus der christlichen oder jüdischen Tradition ableiten lasse, bewahrt Otmar Keels eindringliche Darlegung. Seine Untersuchung zum biblischen Kultbilderverbot stellt fest: jüdische und christliche Formen des Kults von Bildern, die vom Glauben an die "Immanenz Gottes in der Schöpfung" motiviert sind, ereignen sich immer wieder. Problematisch ist dabei stets nur der Kult des Bildes, nicht das "figurative Bild" an sich. Der Macht der Bilder,
die sich in ihrem Martyrium zur Zeit der reformatorischen Bilderstürme
beweisen soll, werden zwei chronologisch definierte Abschnitte ("Bilderverehrung
- die Antwort des Mittelalters" mit 3 Beiträgen und "Bilderverehrung
- die Antwort der Neuzeit" mit 4 Beiträgen) gegenübergestellt.
Worauf diese Antworten antworten, geht aus dem Titel nicht hervor
und hat sich dem Rezensenten auch nicht aus den Beiträgen erschlossen.
Die Beiträge zur Neuzeit betonen eher das Fortbestehen dieser
ambivalenten Konstellation zwischen Bilderverehrung und Bildersturm.
Die mittelalterliche Sektion (in den Beiträgen von Guy P. Marchal,
Norbert Schnitzler und Oskar Bätschmann) beschäftigt sich
vornehmlich mit der Frage nach der Kraft oder Wirkung von Bildern. In dieser Synthese tritt inhaltlich vor allem die Auseinandersetzung mit einem Beitrag hervor. Das ist der eingangs angesprochene Knüller: Guy P. Marchal liefert im Rahmen seines "Das vieldeutige Heiligenbild. Bildersturm im Mittelalter" nicht nur eine Fülle von Beobachtungen, sondern er unterbreitet ein Erklärungsangebot, das Relevanz für den gesamten Komplex des reformatorischen Bildersturms besitzt. Dass Figuren und Bilder von Heiligen auf ihre Umwelt reagieren, bluten, schwitzen, weinen, ist bekannt, dass sie als empfindsame Gegenstände behandelt, nämlich geschlagen, verhöhnt oder verbrannt werden, genauso. In dem Streit, ob das verehrte Heilige in ihnen wohnt oder ob in ihnen nur ein Ausdruck und symbolisches Organ des Heiligen gesehen wurde, bezieht Marchal Position: "Der Heilige wirkte nicht als überirdisches Wesen in die Welt hinein, sondern punktuell und in dieser Welt lokalisiert im Heiligenbild." (S. 315) Dann macht Marchal auf Vorgänge aufmerksam, die zwar sattsam bekannt sind, die sich bislang aber einer Einfügung in ein kohärente Symbollogik verweigerten. Schotten, die sich im besonderen Schutz ihres Heiligen Andreas wähnen, zerstören im 12. Jahrhundert gnadenlos ein Kultbild ihres Heiligen in Hexham und verspotten es. Geht man von einer einheitlichen Bedeutung des Bildes vom heiligen Andreas aus, wie wir es in der Logik einer nach Bildvokabeln sortierten Ikonographie gewohnt sind anzunehmen, dann verfällt der Betrachter gewöhnlich in eine Aporie. Wie kann ein und derselben Heilige von den gleichen Gläubigen in seinen Bildern gestraft und verehrt werden? Vor die Wahl gestellt, den mittelalterlichen Akteuren schizophrene Züge zuzuschreiben oder die eigene Symboltheorie zu überdenken, setzt der Autor noch einmal neu an und greift dabei auf die "processual symbol analysis" des bekannten Ethnologen Viktor Turner zurück. Auf dieser Grundlage argumentiert Marchal: Die Annahme eines einheitlichen und allgemeinen Symbolverständnisses ist illusionär. Tatsächlich verwirklichen sich Kultsymbole auf drei Ebenen, St. Andreas als erkennbare Bildvokabel, St. Andreas als Emblem unterschiedlicher sozialer Gruppen und schließlich St. Andreas in seiner konkreten spektakulären Bedeutung in Kombination mit anderen Symbolen. Ein einziger St. Andreas ist mithin nicht vorhanden, der Schutzheilige der Schotten ist nicht identisch mit dem Kultbild in Hexham. Die Annahme des theologischen Bilderstreites als Motivation zu Bilderstürmen wird damit hinfällig; eine solche Vorstellung identifiziert fälschlich die theologischen Vereinnahmungen solcher Bilderdiskurse mit konkreten Handlungshorizonten. Der Streit um "Götzen" oder nutzlose Bilder müsste weit eher als symbolische Dimension im Konflikt von Gruppen vor Ort verstanden werden. Damit ist ein neues Programm formuliert, von Holenstein und Richard dezent als "diskussionswürdig" eingeschätzt. Symbolisierungsstrategien, nicht der spektakuläre Bildersturm und nicht seine detaillierte Relativierung nach Orten und Jahren sind der eigentliche Gegenstand der Forschung. Der Band hält insgesamt, was er verspricht, facettenreiche und zumeist quellengesättigte Darstellungen zum Phänomen von Bilderverehrung und Bildersturm. Er informiert durchweg detailliert und solide über verschiedene Dimensionen, die sich mit Ausgangspunkt des reformatorischen Bildersturms verbinden lassen. Durch die Hineinnahme von detaillierten Untersuchungen wie die von Christian von Burg über den "Palmesel in den Riten der Zerstörung", Lee Palmer Wandels Sensibilisierung für die Semantik von "Götzen" im Reformationszeitalter und Franz-Josef Sladeczeks Schilderung von Künstlerschicksalen in bildstürmerischer, will sagen arbeitsloser Zeit, werden Einblicke in konkrete Praktiken gegeben, welche die weitere analytische Durchdringung des Themenkomplexes erleichtern werden. Zudem - darin liegt auch ein ganz pragmatischer Vorteil - vereint der Band eine Reihe von Autoren, die sich in dieser Sache bereits in eigenständigen Publikationen profiliert haben, so wie neben den bereits zuvor genannten z. B. auch Sergiusz Michalski, der eine informative Arbeit über Bilderstürme im Ostseeraum beisteuert. Den Band beschließt ein Personenregister; dieses erscheint allerdings nach einer kurzer Stichprobe zu urteilen als unzuverlässig.
[1] Ausstellung "Bildersturm
- Wahnsinn oder Gottes Wille?" Historisches Ausstellungskatalog: Bildersturm - Wahnsinn oder Gottes Wille? Katalog zur Ausstellung des Bernischen Historischen Museums und des Musée de l'Ouvre Notre-Dame, Strassburg. Hg. von Cécile Dupeux, Peter Jezler und Jean Wirth, Zürich / München 2000. 454 S., zahlr. Abb. [2] Interdisziplinärer
Kongress "Macht und Ohnmacht der Bilder. [3] Peter Blickle / André Holenstein / Heinrich Richard Schmidt / Franz-Josef Sladeczek (Hg.): Macht und Ohnmacht der Bilder. Reformatorischer Bildersturm im Kontext der europäischen Geschichte, München: R. Oldenbourg Verlag 2002 (Historische Zeitschrift; Beihefte N. F., 33). Inhaltsübersicht: Peter Blickle:
Vorwort I.Bilderverehrung und
Bilderzerstörung in der Perspektive der Wissenschaften II. Bilder, Reformation
und Bildersturm III. Bilderverehrung -
die Antwort des Mittelalters IV. Bilderverehrung -
die Antwort der Neuzeit V. Diskussionsbericht
und Synthese [4] Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 1990 [Likeness and Presence. A History of the Image Before the Era of Art, Chicago 1994]. |
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Dokument erstellt am 15.3.2003