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"Eine Ausstellung
als Fantasie über ein Buch" lautete der Untertitel des Publikumsmagneten,
den die Bremer Kunsthalle im Kräftefeld des
Ausstellungssommers 2003 einsetzte. [1] "Rilke. Worpswede"
versprach nicht zuletzt wegen des starken Interesses an Leben und
Werk des Dichters und wegen der intensiven Öffentlichkeitsarbeit
des Museums ein Erfolg zu werden. Die Besucherzahlen geben Wulf Herzogenrath
und seinem Team, vor allem Andreas Kreul, der für Ausstellung
und Katalog verantwortlich zeichnet, recht. Die von der Bühnenbildnerin
Nicola Reichert (Essen) inszenierte Schau vereinte alle verfügbaren
Werke, die sich in Rilkes Worpswede-Buch abgebildet finden und folgte
in seiner Ausstellungsarchitektur den einzelnen Kapitel der Rilkeschen
Monographie; sie wurden mittels Farben und inszenatorischer Leitlinien
konturiert. Das Ergebnis wurde in der Presse eingehend besprochen,
und es nicht Anliegen dieses Beitrages, ein weiteres Urteil über
das Gelingen der Inszenierung hinzuzufügen. Zumal das Ereignis
Vergangenheit ist. Es gilt vielmehr danach zu fragen, inwiefern die
begleitende Publikation die "Fantasie" abstreift und als
eigenständiges Werk von nachhaltigem Gewicht Bestand hat, also
das Flüchtige der Ausstellung
hinter sich lässt.
"Rilkes Buch ist seit
hundert Jahren im Gespräch und doch ein Brunnen geblieben, den
auszuloten man sich erst jetzt anschickt", befindet Bernd Stenzig
in seinem rezeptionsgeschichtlichen Beitrag zu Rilkes Worpswede-Monographie
(Zur Aufnahme von Rilkes Worpswede-Buch, 270-287; das Zitat 278).
Der Zeitpunkt ist günstig gewählt, denn Künstlerkolonien
haben Konjunktur. Arvika in Schweden, Grez-sur-Loing in der Nähe
von Barbizon, die Fraueninsel im Chiemsee, das Dörfchen Schorn
in Mecklenburg-Vorpommern, Ahrenshoop auf dem Fischland unweit von
Rostock - in ganz Europa entdecken fast vergessene Künstlerkolonien
ihre Rolle, die sie in der Kunstgeschichte des späten 19. und
frühen 20. Jahrhunderts spielten. Worpswede war sich dieser Rolle
immer bewusst, seine Geschichte ist bekannt und muss nicht neu geschrieben
werden. Dennoch lohnt der Versuch, der in Bremen unternommen wurde,
und bietet mit dem Ausstellungskatalog eine spannende Lektüre.
Rilkes Monographie
besteht aus fünf biographischen Beiträgen und einer Einführung.
Sie ist nicht der erste Beitrag über die Künstlerkolonie
im
Teufelsmoor bei Bremen. Worpswede war durch eine Ausstellung im Münchner
Glaspalast (1895) über Nacht zum vielbeachteten Phänomen
geworden. So nimmt es nicht Wunder, dass einer der renommierten Kunstverlage
der Jahrhundertwende, Velhagen & Klasing, eine Monographie über
den Ort in sein Programm aufnahm. Das Buch, für das Rainer Maria
Rilke verpflichtet wurde, ist die erste umfassende Abhandlung über
die Worpsweder Künstler Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz
Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler. Der hier angezeigte Ausstellungskatalog
gibt den vollständigen Text von Rilkes Monographie einschließlich
der Einleitung wieder und folgt dabei
orthographisch der Erstausgabe. An die fünf biographischen Kapitel
Rilkes schließen sich unter dem Titel "Kommentare"
fünf sorgfältig recherchierte Beiträge an, die Rilkes
Text zum Gegenstand haben und ihn kunsthistorisch untersuchen. Den
dritten Teil des Katalogbuches bilden "Erinnerungen", vulgo
Quellentexte und Stimmungsbilder zu Rilkes Worpswede-Aufenthalt. Der
vierte Abschnitt "Kontexte" vereint vier wissenschaftliche
Beiträge zu Entstehung und Rezeption der Worpswede-Monographie
sowie zu Rilkes ästhetischer Konzeption und zu seinem Kunstverständnis.
Eine Chronologie zu Rilke und Worpswede beschließt zusammen
mit einer umfangreichen Bibliographie den Band. Rilke, der seit Mai
1901 zusammen mit Clara Westhoff in Westerwede, einem Nachbardorf
von Worpswede, lebte, erhielt im Jahre 1902 durch
Vermittlung von Gustav Pauli, dem Direktor der Bremer Kunsthalle,
vom Verlag Velhagen & Klasing den Auftrag für die Künstlermonographie
über Worpswede. Michael Fuhr legt in seinem sorgfältigen
Beitrag (Zur Entstehung der Künstler-Monographie Worpswede, 260-269)
sachkundig dar, welche Auflagen die Publikationen des Verlags zu zeitgenössischer
Kunst zu erfüllen hatten. So bekamen die zumeist jungen Autoren
den Auftrag, nicht nur das Manuskript - möglichst binnen weniger
Wochen - zu erstellen, sondern sie hatten auch für das Bildmaterial
zu sorgen. Rilke, der nach seiner Heirat mit Clara Westhoff und der
Geburt der Tochter Ruth in einer finanziellen Misere steckte und Pauli
bereits eine Stelle beim Bremer Tageblatt verdankte, nahm den Auftrag
gern an, zumal der Museumsmann ihn bei den Kontakten zu den Worpsweder
Künstlern tatkräftig unterstützte. In der Folge gestaltete
sich die Zusammenarbeit mit den Malern sehr produktiv.
Um die Produktionskosten
niedrig zu halten, war auch Rilke aufgefordert, für die Bebilderung
zu sorgen. Dies gestaltete sich vergleichsweise einfach, denn die
Künstler versorgten Rilke mit Abbildungen - zumeist solche aktueller,
noch unverkaufter Werke (Fuhr, 266). Rilke versuchte wiederholt, aber
vergebens, sich der Aufgabe der Bildbeschaffung zu entziehen - "Mir
ist diese Arbeit so zeitraubend und auch so fremd, daß ich sie
nur mit viel Mühsäligkeit [!] zustandebringe" (Rilke
brieflich am 17. März 1902). Dieser redaktionelle Aspekt des
Buches scheint den Autor größere Kraftanstrengung zu kosten
als der Text selbst, der in enger Kooperation mit den "Worpswedern"
entstand. In Gesprächen gaben die Maler dem Autor Rilke gern
Auskunft über Biographie, Studium und Arbeitsweise. Fritz Mackensen
äußerte sich sogar schriftlich, so dass Rilke den Maler
passagenweise zitieren konnte. So entstand ein subjektiver, von der
Unmittelbarkeit des Interviews geprägter Text, der immer wieder
auf die Originalität der Künstler, das Selbststudium, auf
den Einfluss der Landschaft auf die Malerei abhebt. Besonders deutlich
wird dies in Rilkes Einleitung (17-33), die im Ausstellungskatalog
bedauerlicherweise keine eigene Analyse erfährt, wohl aber verdiente.
Die
darin aufscheinenden Begriffe wie Dasein, Ebene, Himmel oder Landschaft,
der summarische Hinweis auf die Schule von Barbizon und die Kunst
Millets geraten im weiteren Text zu Leitmotiven. Fuhr gelingt der
Nachweis, dass dies durchaus im Sinne des Verlages ist. In vielen
Monographien erscheine der Topos, dass die Größe eines
Künstlers sich daran bemesse, dass er ohne Vorbilder zur Genialität
gelange. "Es stellt in diesem Zusammenhang also keine Ausnahme
dar, wenn Rainer Maria Rilke zu behaupten wagt, die Mitglieder der
Worpsweder Künstlervereinigung hätten ihre Werke ohne fremde
Hilfe geschaffen" (267). Somit ist Rilkes Frühwerk eo ipso
keine objektive Darstellung der Künstlerkolonie Worpswede, sondern
ein Zeugnis künstlerischen Selbstbewusstseins, verbunden mit
Rilkes dichterischer Sicht
auf ein vermeintliches Paradies.
Die Auswahl und
Reihenfolge der Maler in Rilkes Werk - Fritz Mackensen (35-55), Otto
Modersohn (57-78), Fritz Overbeck (81-99), Hans am Ende (101-119)
und Heinrich Vogeler (121-141) ist nicht beliebig, sondern geradezu
kanonisch, wie verschiedentlich, u. a. von Dorothee Hansen (Fritz
Mackensen, 144-155), ausgeführt wird. Die herausgestellte Führungsrolle
Mackensens, die Sonderrolle Vogelers und das Wegblenden der in Worpswede
tätigen "Malweiber" - Paula Becker-Modersohn oder die
eigene Gattin Clara Westhoff beispielsweise - findet sich auch in
der zeitgenössischen Kunstliteratur, und Rilke erfüllt hier
die Erwartungen. Das gängige Worpswede-Bild ist deckungsgleich
mit den fünf Künstlern. Neu ist die Gleichbehandlung der
Künstlerindividuen. Während die ältere Literatur aus
der Reihung auch eine Wertung macht, oder aber, wie Richard Muther,
das Gemeinsame der Worpsweder Kunst betont (Richard Muther: Worpswede.
Erstmals in: Der Tag, Berlin, 27. und 28. November 1901), findet der
junge Autor jeweils einen individuellen Zugang zum Werk. Im Falle
Mackensens ist es zwar
die gängige Bewertung als Figurenmaler - ausgehend von der Goldmedaille,
die Mackensens Bild "Der Säugling" (1892; Abb. S. 39)
1895 in München erhielt, nimmt dies nicht Wunder -, doch der
Ton ist predigthaft, mitunter hymnisch: "Mackensens Weg ist geradeaus,
auf den Menschen zu, auf den Menschen dieser einsamen schwarzen Erde,
auf der er lebte. Wo er in die Natur sah, fand er scharf umrissene
Einzeldinge, aber in den Menschen, in diesen stillen nordischen Gestalten,
war alles zusammengefaßt, was er suchte [...] [D]as ist für
Mackensen die Figur: der Extrakt der Landschaft" (50). In ihrem
Essay geht Dorothee Hansen Rilkes Argumentation im Detail nach und
kommt zu der Feststellung, dass der Dichter mit seinem Verständnis
des Malers Mackensen, dem er die "Entwicklung aus sich selbst"
und ein "unmittelbares Naturverhältnis, verbunden mit dem
Hang zur Einsamkeit" bescheinige (145), völlig in der Tradition
eines romantischen Künstlerverständnisses stehe. Mit ihrer
Beweisführung gelingt Hansen die klare Abgrenzung Rilkes von
der kunstwissenschaftlichen Literatur seiner Zeit, die komparatistisch
arbeitete und eine Stilverortung der Worpsweder Kunst unternahm. Zugleich
arbeitet sie Begriffe heraus, mit denen Rilke die Kunst Mackensens
zu fassen sucht: "nordisch, schwermütig, ernst und gesund"
kehren immer wieder und finden ihre Parallele in der Begrifflichkeit
von Heimatkunst-Vertretern wie Paul Schultze-Naumburg, Hans Müller-Brauel
oder Paul Warncke (151). Gerade die
Beiträge Warnckes (Paul Warncke: Worpswede. In: Zeitschrift für
bildende Kunst, 11, 1901, 147-185 und id.: Worpswede. Berlin 1902)
seien als Quelle Rilkes zu werten. Allerdings sei Rilke die völkische
Konnotation fremd. Abschließend kommt Hansen zu dem Urteil,
dass Rilkes Buch und insbesondere der Beitrag zu Mackensen den etablierten
Mythos des Künstlerdorfes Worpswede verfestigt habe, dass er
den "Klischees von der Ursprünglichkeit der Landschaft und
dem harten, ärmlichen Leben der Bauern" folge und die touristische
Attraktivität, die Worpswede bereits vor 1900 entfaltete, völlig
ausblende (153).
"Langzeilige,
rauschende Verse" nennt Rilke die Werke Otto Modersohns (57).
Den Maler selbst bezeichnet er als "Dichter" (77), der aus
der
Moorlandschaft und der Erinnerung an seine eigene Kindheit und Jugend
in Soest und Münster "seine eigenen Märchen",
"seine eigene, deutsche, nordische Welt" erschaffe (78).
Das Kapitel selbst gliedert sich in einen allgemeinen und einen biographischen
Teil. Gerade letzterem merkt man das freundschaftliche Verhältnis,
das zwischen Rilke und Modersohn bestand, an, wie Anne Buschhoff bemerkt
(Otto Modersohn, 156-173). Das Worpsweder Auftreten Modersohns im
Sommer 1889 belegt Rilke mit einer Pathosformel: "Worpswede begann"
(70), womit er die Rolle Mackensens als historischem Gründer
und die Modersohns als Interpret des landschaftlichen genius loci
festschreibt. Buschhoffs intelligente Analyse des Modersohn-Kapitels
fußt auf der Feststellung, dass Rilke darin seine eigenen kunsttheoretischen
Überlegungen fortschreibt. So fände sich sowohl das Verständnis
der Landschaft als auch die Bedeutung der Kindheitserfahrung für
das
künstlerische Schaffen bereits in Rilkes Schriften der Prager
Zeit (1898) formuliert. Sie kommt zu dem Urteil, dass der Dichter
"Modersohns Werk an den Kategorien seiner eigenen Kunstästhetik
zu messen" versuche (158). Zugleich aber bietet der Kontakt zu
Modersohn für Rilke eine lang ersehnte Identifikationsmöglichkeit
mit Gleichgesinnten. Indem der Dichter Worpswede zur "Heimat"
nimmt (161), wird er unmittelbarer Zeuge der Auseinandersetzung der
Landschafter mit der Natur. Und so gewinnt er im Falle Modersohns
die Überzeugung, dass sich diese Auseinandersetzung gleichsam
dichterisch äußere. In Rilkes Beschreibungen zu Modersohn
verdichten sich poetologische
Begriffe, worin Buschhof zu Recht eine Fortschreibung des "ut
pictura poesis "-Topos sieht (165). Sie betont - wie bereits
Hansen - das Herkommen Rilkes aus romantischer Kunsttheorie (165)
und geht schließlich auf Rilkes Bildbeschreibungen im einzelnen
ein, die darauf abzielen, Modersohn als "Werdenden" zu beschreiben,
"der seine Kunst formuliert, aber noch nicht vollständig
umgesetzt hat" (168). Modersohn selbst war mit der Beschreibung
seiner Person nicht recht zufrieden. Die von Buschhof sorgfältig
herangezogenen Quellen belegen dies eindeutig. Nach anfänglicher
Euphorie - " [...] ich finde das ganze Buch vorzüglich,
voll trefflicher Erfassung der einzelnen Gestalten und Dinge"
(brieflich am 20. Februar 1903 an Rilke)" - wird Modersohn bald
skeptischer: "Rilkes Buch ist sehr fein ohne Frage - es hat natürlich
allerlei schiefes" (Tagebucheintrag vom 2. März 1903). Hier
spiegelt sich die Ernüchterung des Malers, dem Rilkes Interpretation
als "Märchenmaler" zu eindimensional war. Zu bemerken
bleibt, dass Stenzig zu einem anderen Urteil kommt (281-282). Bei
Erscheinen des Buches war übrigens auch das freundschaftliche
Verhältnis zwischen beiden bereits merklich abgekühlt.
" [...] er
war kein Dichter. Es träumte irgendwo in ihm hinter einer dicken
Schale von Schweigsamkeit und er brauchte ein Gegengewicht dafür
in der Welt. Deshalb malte er, malte die Dinge nach seinem Ebenbilde,
stark, breitschultrig und voll von innerer Schweigsamkeit." (81).
Rilkes Urteil über Fritz Overbeck gründet auf der Beobachtung,
der Maler habe sich der bloßen Wirklichkeitswiedergabe verschrieben
(Barbara Nierhoff: Fritz Overbeck, 174). Nierhoff führt jedoch
weiter aus, dass es - anders als im Falle Modersohn - zu keinem engeren
Austausch zwischen Maler und Autor gekommen war. Daher konnte Rilke
die Schweigsamkeit Overbecks, die seine tiefere Teilhabe an den Gedanken
des Malers verhinderte, nicht in sein System des subjektiven Zugangs
integrieren. Folglich fällt sein Essay über Overbeck kritischer
aus als bei den anderen Malern (174-175). Zugleich nähert er
sich der Wertung an, die die ältere Worpswede-Literatur über
Fritz Overbeck gefällt hatte. Wie Nierhoff ausführlich darlegt,
verursacht das vermeintliche Wirklichkeitsbedürfnis des Malers
bei Rilke ein abschätziges Urteil, denn der Autor vermisst das
Einfließen der Innenwelt des Malers in sein Werk. In seiner
Argumentation übergeht er aber Overbecks stimmungsvolle
und poetische Landschaftsgemälde, die ihm sehr wohl bekannt gewesen
sein mussten: "Die vielschichtige und nuancenreiche Landschaftsauffassung
Overbecks zwischen Naturalismus und Spätromantik blieb so seitens
des Schriftstellers ungesehen" (179). Jenseits der kunsthistorischen
Irrtümer, die sich bei Rilke im Falle Overbecks nachweisen lassen,
offenbart sein Text jedoch neues methodisches Potential. Rilke bricht
bewusst mit der tradierten Kunstkritik des 19. Jahrhunderts, verzichtet
auf bewährte Bewertungsparameter und setzt ihnen einen "psychologischen
Ansatz der Kunstbetrachtung" entgegen (180). Nierhoffs Beitrag
zu Rilke offenbart die Modernität des Worpswede-Buches, auch
wenn der Dichter im Falle Overbecks an seiner selbst gewählten
Methodik scheitert. Donata Holz sieht sich in ihrer Analyse des Rilke-Kapitels
zu Hans am Ende (184-191) vor das Problem einer schlechten Forschungslage
gestellt. Der Ende des Ersten Weltkrieges Gefallene wird in der älteren
Kunstliteratur höchst ambivalent beurteilt. Während Rilke
angesichts der farblichen Delicatesse zu
dem Urteil kommt, Hans am Ende habe "großes Verständnis
für das Wesen malerischer Werte" (113), ja male geradezu
Musik (117), wertet ihn Gustav Pauli als "weniger deutlich ausgeprägte
Persönlichkeit" (zit. bei Holz, 184) ab. Letztlich aber
bewegt sich Rilke mit seiner Einschätzung auf unsicherem Grund,
wie Holz nachweisen kann. Der Dichter hatte kaum Kontakt zu dem Maler,
kannte nur wenige Ölgemälde und verließ sich auf die
Kenntnis des druckgraphischen Werks. Auch aus heutiger Sicht ist Hans
am Ende schwierig zu beurteilen. Der Verbleib der meisten Werke ist
unbekannt, ein Nachlass hat sich nicht erhalten. Insofern ist der
Beitrag von Holz in erster Linie keine Analyse Rilkes, sondern vielmehr
eine kunsthistorische Verortung des Malers Hans am Ende. Als Schüler
der Münchner Akademie, der bei Wilhelm Diez studierte, prägte
die innovative Sicht auf die Landschaft sein malerisches Werk. Die
von Rilke konstatierten Einflüsse von Rembrandt, Böcklin
und Millet kann Holz verifizieren und um eine französische Komponente
erweitern: Erhellend ist ihr Bildvergleich mit Daubigny (186-187).
Rilke stellt die Radierungen am Endes in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen
und liegt dabei richtig. Im Bereich der Druckgraphik spielte der Künstler
innerhalb des Worpsweder Beziehungsgeflechtes eine zentrale Rolle
und übte auf Vogeler großen Einfluss aus. Zugleich zeigt
er sich von den Radierungen Klingers beeinflusst, was Rilke bereits
bemerkt, und Holz unter Heranziehung brieflicher Quellen (188-189)
nochmals belegt. Holz gelingt mit ihrem Beitrag eine Rehabilitierung
des weitgehend Unbekannten, sie betont, "daß die dichterische
Ernsthaftigkeit eines Böcklin neben der Leichtigkeit und Frische
der impressionistischen Manier eines Daubigny" steht (191). So
bestätigt sich in der aktuellen kunsthistorischen Sicht Rilkes
Urteil zu Herkunft und Stellung des Malers.
Im Falle Heinrich
Vogelers kann Rilke (121-141) hingegen auf einen reichen Fundus persönlicher
Erfahrungen zurückgreifen. Seine Bewertung gipfelt in der Feststellung:
"Er ist der Meister eines stillen, deutschen Marienlebens, das
in einem kleinen Garten vergeht" (141). In Verbindung mit Maria
erinnert das Bild des Gartens an das Symbol des hortus conclusus.
Tatsächlich evoziert Rilkes Interpretation von Vogeler das Bild
einer abgeschlossenen Welt, in die sich der Künstler ohne äußere
Störung versenken kann (sinngemäß nach Drude, S. 192).
In der Metaphorik des gesamten Vogeler-Kapitels spielt der Garten
und die damit verbundenen Assoziationen folgerichtig eine zentrale
Rolle (202-203). Realiter war diese abgeschlossene Welt Vogelers Barkenhoff
in Worpswede. Rilke bemisst den Künstler nach seinem Grad der
Innerlichkeit, des Hineinfühlens in die Dinge: "Er weiß
in das Leben der kleinsten Blumen hineinzublicken: er kennt sie nicht
von Sehen und vom Hörensagen [...] Die Kunst, in einer Blume,
in einem Baumzweig, einer Birke oder einem Mädchen, das sich
sehnt, den ganzen Frühling zu geben, alle Fülle
und den Überfluß der Tage und Nächte, - diese Kunst
hat keiner so wie Heinrich Vogeler gekonnt" (129). Der Dichter
hat umfassende Kenntnisse von Vogelers Werk. So geht er am Beispiel
der Mappe "An den Frühling" ein auf Linienduktus und
Bildkomposition, bespricht Vogelers Buchgestaltungen, die Farbwirkungen
früher Gemälde, nennt aber auch die kunsthandwerklichen
Arbeiten des Allrounders Vogeler. Die Beschäftigung Rilkes mit
diesem Künstler beginnt bereits vor den Arbeiten zur Worpswede-Monographie.
In seinem Kommentar verweist Christian Drude (Heinrich Vogeler, 192-211)
auf Rilkes Aufsatz von 1902, [2]aber auch auf die seit 1898 intensiv
verlaufende Künstlerfreundschaft (193-194). Die Nähe der
ästhetischen Positionen, die sich vereinzelt in künstlerischen
Kooperationen niederschlägt, machen das Vogeler-Kapitel zum Überzeugendsten
in Rilkes Schrift. Anders als die übrigen Künstler, die
immer als "Werdende" bezeichnet sind, gilt Vogeler für
Rilke als Frühvollendeter, dessen geistige Entwicklung "ein
geradezu somnambules Auffinden geistesverwandter ästhetischer
Einflüsse impliziert" (195). Rilke, so Drude, interpretiert
Vogelers Realitätsferne als "Begründung einer zweiten
Wirklichkeit" (196), die durch und durch narzisstisch geprägt
ist (202). Damit setzt er dem Künstler jedoch auch Grenzen, Grenzen,
die er selbst zu nutzen weiß. Indem Drude spätere Quellen
heranzieht und die weitere Beziehung zwischen beiden beleuchtet, kann
er dies belegen. In seiner Autobiographie schreibt Vogeler: "Hatte
er doch meinem Leben und meiner Arbeit Grenzen gesetzt, in denen auch
er der Romantik seiner eigenen Träume nachgehen konnte, so wie
er auch über mich und meine künstlerische Arbeit geschrieben
hatte" (zit. bei Drude, 198). Die
Entfremdung zwischen Rilke und Vogeler setzte schon bald nach der
Abreise Rilkes nach Paris ein (1903). Die Großstadterfahrung
führt zum Bruch Rilkes mit der umgrenzten Welt Vogelers. Drude
skizziert die wichtigsten Stationen der zunehmenden Entfernung nach
(205-206). Die Verortung Vogelers steht also in starkem Kontrast zu
denen der anderen Künstler. Während Rilke die Kunst der
ersten vier Worpsweder aus dem Erlebnis der Landschaft zu erläutern
sucht, ist es bei Vogeler das subjektive Weltempfinden, das im Grunde
den hohen Himmel und die Weite der Ebene ausblendet (Drude, 201).
Rilkes Werk hat
mit der Ausstellung und der Begleitpublikation nach einhundert Jahren
die Aufmerksamkeit erfahren, die ihm gebührt. Darin liegt das
Hauptverdienst des Projektes. Die Rilke-Forschung hat das Werk lange
vernachlässigt (vgl. Stenzig, passim), und auch die Zeitgenossen
nahmen eher den Dichter des "Cornet" und des Stundenbuches
wahr als den Kunstschriftsteller. Und die Worpsweder Künstler?
Stenzig gibt einen lesenswerten Überblick. Paula Becker-Modersohn
war "nicht besonders angetan", Modersohn hatte - wie bereits
ausgeführt (auch Stenzig, 281-283) - ein ambivalentes Verhältnis,
während sich Mackensen entschieden dagegen ausspricht. Von Hans
am Ende ist keine Aussage überliefert, und nur Overbeck äußert
sich durchaus positiv. Das Urteil Vogelers ist zunächst bestimmt
vom seelischen und ästhetischen Gleichklang zwischen dem Maler
und dem Dichter. So bestätigt er Rilkes Deutung gänzlich,
erst mit zunehmender Entfremdung sieht Vogeler seine Darstellung kritischer.
Im Spätwerk des inzwischen in die Sowjetunion Emigrierten kommt
es aber zu einer merkwürdigen Annäherung an Rilke - eine
Beobachtung, die zu den spannendsten Passagen bei Stenzig zählt.
Auf der Suche nach einer neuen Kunst, die die Lehren des Leninismus
adäquat abzubilden erlaubt, verfasst Vogeler eine Schrift über
Paula Becker-Modersohn (Stenzig, 284-285), die zwar am Wesen der Malerin
vorbeizielt, in ästhetischer Hinsicht, so Stenzig, aber als Fortentwicklung
Rilkes zu sehen sei.
Der mit "Erinnerungen"
überschriebene Abschnitt des Kataloges (214-257) vereint neun
Texte, zumeist von Zeitzeugen des Rilkeschen Aufenthaltes im Bremer
Umland (Fritz Overbeck; Gustav Pauli; Marga Berck, die spätere
Magda Pauli; Fritz Mackensen; Otto Modersohn; Martha Vogeler; Rolf
Hetsch und Rudolf Alexander Schröder) bzw. von dem Barkenhoff-Stipendiaten
Emmett Williams (A Ghost Story, 256-257) sowie eine als "Bild-Essay"
überschriebene Serie zeitgenössischer Fotografien (1900-1902)
von Johann Tietjen (236-243). Tietjen arbeitete als Fotograf der Moor-Versuchsstation
in Bremen. Gerade dieser letzte Beitrag bedürfte eines erläuternden
Kommentars, auf den
jedoch, wie auch bei den anderen Texten, verzichtet wird. Es handelt
sich um vier großformatige "Photographien aus dem Moor",
die scheinbar den Alltag der Worpsweder Moorbewohner zeigen. Während
die Präsentation der Tietjen-Aufnahmen in der Bremer Ausstellung
einen ganzen Raum füllte und facettenreich, aber keineswegs immer
authentisch - manche der Bauern posierten für die teilweise gestellten
Aufnahmen im Sonntagsstaat - eine romantisierende Sicht auf die Lebenswirklichkeit
zeigte, kann die Auswahl im Katalog dies nicht vermitteln. Im übrigen
sind die "Erinnerungen" treffend ausgewählt und vermögen
es, beim Leser das bis dato gewonnene Bild von Rilkes Worpsweder Zeit
beträchtlich zu erweitern. Gleiches gilt für die von Rieke
Marquarding zusammengestellte Chronologie (Rainer Maria Rilke und
Worpswede, 310-363). Sie umfasst den Zeitraum von der ersten Begegnung
Rilkes mit Heinrich Vogeler in Florenz (April 1898) bis zum Tod des
Dichters im Januar 1927. Sinnvoll mit historischen Fotografien von
Personen und Dokumenten aufgelockert, ist Marqardings Beitrag eine
wertvolle Ergänzung zu den bereits besprochenen Artikeln. Er
fängt den kulturhistorischen und biographischen Kontext ein,
der andernorts nicht erfasst werden kann. Bedauerlicher Weise verzichtet
Marquarding auf einen Anmerkungsapparat, so dass gerade die zahlreich
eingesetzten Zitate aus Primärquellen nicht nachgewiesen sind.
Dem neugierigen Leser bleibt nur die vage Möglichkeit, die Quellen
in der umfangreichen Bibliographie zu suchen, was angesichts des Umfangs
des Literaturverzeichnisses kaum möglich ist (364-381). Dieses
ist sorgfältig, umfassend und aktuell, wenngleich die Zuordnung
mancher Titel unklar erscheint.
Ein gelungenes
Werk also? Fast zur Gänze. Was fehlt? Ein Vergleich mit anderen
Werken der Kunstliteratur, wie beispielsweise Roeßlers
Dachau-Monographie [3] wäre angebracht, um diese Dimension der
Rilke-Rezeption auszuloten. Das fehlende Personen- und Ortsregister
ist ein wirkliches Manko. Am Rande sei bemerkt, dass das Layout des
Bandes - die Gestalter haben sich in Format, Satz und Umschlagsgestaltung
am Original orientiert - die Möglichkeit einer großformatigen
Bebilderung nimmt. Die Abbildungen - die Farbauthentizität könnte
oftmals besser sein - erscheinen mitunter sehr klein, mitunter aber
auch auf einer Doppelseite, was den Genuss durch den Knick in der
Mitte doch trübt. Es wäre vielleicht besser, die Form würde
der Funktion folgen. Weiterhin wünschte man sich die Transkription
einiger im Bild gezeigter Dokumente, vor allem die der "Festspielszene"
(299), die Rilke anlässlich der Einweihung der Bremer Kunsthalle
1902 schrieb.
Schließlich
fehlt eine eingehende Analyse von Rilkes Einleitung zu Worpswede,
wenn auch vereinzelt - vor allem bei Buschhof - darauf verwiesen wird.
Die einleitenden Seiten sind programmatisch zu nennen, gerade in ihrer
Bewertung der Landschaftsmalerei und der daraus abzulesenden Kunsttheorie
Rilkes. Auch wäre eine Analyse der Benennung von Vorbildern wie
Millet, Segantini, Böcklin oder Puvis de Chavannes erhellend.
Der Verzicht ist umso bedauerlicher, als dass Rilkes Epilog, der sich
dem Vogeler-Kapitel anschließt (141), in Drudes Kommentar geistreich
interpretiert wird (207-208). Eine Würdigung der Bildbeschreibungen
Rilkes wäre durchaus sinnvoll, zumal der Autor hier in den Wettstreit
mit der Malerei tritt. In seinen Ekphrasis-Passagen malt der Text
die Landschaft geradezu nach. Eine Untersuchung der ekphrastischen
Komponente im Worpswede-Buch bleibt jedoch ein Forschungsdesiderat.
Analysen zu Rilkes Kunstanschauung fehlen jedoch
nicht. Rita Rios reißt das Thema der Ekphrasis in ihrem Beitrag
an (Zu Rilkes Ästhetik der Frühzeit, 288-297), widmet sich
im wesentlichen aber dem Verhältnis von Selbst und Natur bei
Rilke. Ausgehend von der Malerei habe Rilke eine Ästhetik entwickelt,
die in der Kunst den Vermittler zwischen Natur und Mensch sehe (291).
Somit bündelt die Autorin Gedanken, die sich auch in anderen
Beiträgen finden. Gewinnbringend ist ihre Anbindung an Rilkes
späteres, vor allem lyrisches Werk. Rilke schreibt: "[...]
jetzt ist es die Landschaft, die wirkliche Natur, zu der die Dinge,
seit man sie aufmerksamer betrachtet, langsam hingeführt haben.
Der Künstler von heute empfängt von der Landschaft die Sprache
für seine Geständnisse und nicht der Maler allein"
(61). Darin liegt der Kern späterer ästhetischer Anschauungen.
Wenn Rilke in seinen Gedichten der Pariser Zeit das Wesen der Dinge
sprachlich auszudrücken sucht, so ist das ohne die Naturaneignung
der
Worpsweder Zeit schwer vorstellbar. Zu einem ähnlichen Schluss
kommt auch Sieghild Bogumil-Notz (Rilke und die Kunst: ein kongeniales
Gespräch, 298-309). "Die Suche nach der analogen Aussageebene
in der Dichtung, um das sachliche Hervorbringen eines Gegenstandes
mittels der Sprache" (301) geschieht bei Rilke über die
Kunstanschauung. Greifbar wird dies in seiner Beschäftigung mit
Rodin und Cézanne (301-305), der sich die Autorin - darin den
zeitlichen Kontext der Künstlermonographie sinnvoller Weise hinter
sich lassend - hauptsächlich widmet. Gleichwohl: Den Nukleus
von Rilkes Kunstanschauung bildet "Worpswede".
Anmerkungen
[1] Rilke. Worpswede. Eine Ausstellung als Phantasie über ein
Buch. Kunsthalle Bremen 29. Juni - 24. August 2003. Online unter:
<http://www.rilke.worpswede.de/>
[2] Rainer Maria Rilke: Heinrich Vogeler. In: Deutsche Kunst und Dekoration,
10/7, 1902, S. 42-44.
[3] Arthur Roeßler: Neu-Dachau. Ludwig Dill, Adolf Hölzel,
Arthur Langhammer, Bielefeld/Leipzig 1905.
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