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Andrea Pophanken / Felix Billeter (Hg.): Die Moderne und ihre Sammler. Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, Berlin: Akademie Verlag, 2001 (Passagen, Bd. 3). Gb., 426 S., 16 Tafeln u. 86 Abb., EUR 49,80, ISBN 3-05-003546-3 Rezensiert von: |
| "Die gegenwärtige Malerei, ich meine damit die französische Malerei von Manet bis Maurice Denis und van Gogh, ist für mich eines der Dinge, die mir das Leben überhaupt verschönen", schreibt Hugo von Hofmannsthal 1905 an Maximilian Harden und umreißt damit eine affirmative Haltung zur zeitgenössischen französischen Kunst, wie sie durchaus im deutschen Großbürgertum der damaligen Jahrhundertwende anzutreffen war. Diametral steht ihr das Urteil des Malers Carl Vinnen entgegen, der - anlässlich der Erwerbung von van Goghs "Mohnfeld" für die Bremer Kunsthalle - seinen "Protest deutscher Künstler" auslöste (1911). Vinnen sah hier eine von Kunsthändlern, Intellektuellen und "Snobs" manipulierte Bevorteilung französischer Kunst, der gegenüber die deutsche Malerei ins Hintertreffen geriete. [1] Die beiden Haltungen verdeutlichen die Bandbreite öffentlicher Meinung, die das vermehrte Auftauchen moderner französischer Kunst im Zeitraum von 1890 bis 1914 in Deutschland auslöste. Dieses Auftauchen ist unterschiedlichen Personengruppen zu verdanken, die sich mit intellektuellem und finanziellem Engagement gegen die wilhelminische Auffassung von Kaiser, Reich und Kunst wandten. Im einleitenden Essay des vorliegenden Bandes (S. 1-9) benennt Wilhelm Gaethgens die Kräfte, die eine Etablierung impressionistischer und postimpressionistischer Malerei bis hin zu den Fauves und Picasso ermöglicht hatten: engagierte Museumsdirektoren wie Hugo von Tschudi in München, Karl Ernst Osthaus in Hagen oder Alfred Lichtwark in Hamburg, die mit ihrer Sammlungstätigkeit der Avantgarde museale Pforten öffneten; Kritiker und Kunstschriftsteller wie Emil Heilbut, Julius Meier-Graefe oder Harry Graf Kessler, die gegen die Konventionen anschrieben und gerade in den angespannten Jahrzehnten des Kaiserreichs zu einem kulturellen Verständnis des französischen Nachbarn beitrugen; und schließlich die Sammler. Im Gegensatz zu den Kunsthistorikern, deren Rolle exemplarisch beschrieben ist - erinnert sei an die Ausstellung "Manet bis van Gogh. Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne" [2] - ist ihr Wirken bislang weitgehend unbekannt oder nur vereinzelt bearbeitet. Mit 15 Sammlerbiographien versucht der von Andrea Pophanken und Felix Billeter in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte herausgegebene Band die Forschungslücke zu schließen. Der Versuch ist gelungen. Erstmals stellt ein Band in einem umfassenden Maße deutsche Privatsammlungen französischer Kunst der Moderne dar. In der weitgehend einheitlichen Länge der Beiträge spiegelt sich die Gleichbehandlung der Sammlungen, wodurch eine Objektivierung sichergestellt ist. Der zumeist identische inhaltliche Aufbau der Einzelbeiträge kristallisiert die biographischen Lebensumstände der Sammler, die jeweilige Motivation des Sammelns und die topographischen Orte der Sammlungen als primäre Vergleichspunkte heraus. Fast in jedem Fall aber stoßen die Autoren an die Grenzen des Erforschbaren: Primärquellen über den Erwerb der Bilder oder Kataloge der Sammlungen fehlen oftmals, so dass die Rekonstruktion zur Fleißarbeit gerät. Vielfach ist man auf zeitgenössische Beiträge in Kunstzeitschriften angewiesen, in denen die Sammler und ihre Bilder vertreten waren. Im Falle von Harry Graf Kessler, Kurt von Mutzenbecher, Eberhard von Bodenhausen, Otto Gerstenberg, Leopold Biermann, Johann Georg Wolde und Gottlieb F. Reber findet sich ein rekonstruierter Katalog jeweils im Anhang. Für die anderen Sammlungen (Eduard Arnhold, allerdings verweist der Autor auf seine Dissertation [3]; Emil Heilbut; Alfred Walter Heymel; Adolf Rothermundt, Oscar Schmitz; August von der Heydt; Carl und Thea Sternheim; Eberhard Koehler; Otto Krebs; Max Silberberg; Alfred Cassirer) wurde entweder auf ältere Literatur verwiesen oder eine Rekonstruktion war nicht möglich. Der folgende Überblick
muss sich notwendiger Maßen beschränken und betont zunächst
nur Inhalt und Ort der Sammlungen. Den Auftakt der Einzeluntersuchungen,
deren Reihung chronologisch erfolgt - worin sich das die Kunstentwicklung
spiegelnde Interesse der Sammler an den aufeinander folgenden Strömungen
von Monet bis Picasso zeigt - bildet Michael Dorrmanns Beitrag zur
Sammlung Arnhold in Berlin (S. 23-40). Eduard Arnhold, aus kleinen,
aber gebildeten Verhältnissen stammend, schuf sich mit dem Handel
von Kohle ein beträchtliches Vermögen, das er in Kunst investierte.
Die biographischen Grundlinien sind signifikant und wiederholen sich:
Die Herkunft aus dem assimilierten Judentum, die gesellschaftliche
Verankerung im Großbürgertum, die weltläufige Lebensführung,
die dem Leser in der Vita Arnholds begegnen, sind paradigmatische
Lebensstationen, die sich in anderen Lebensläufen wiederfinden.
Arnhold sammelte vor allem französische Kunst von Monet bis van
Gogh, der für ihn die Grenze der Modernität bildete. Ein
zweiter Schwerpunkt sind symbolistische Werke von Böcklin und
Thoma bzw. die deutschen Impressionisten, die fast ausschließlich
in Gestalt von Liebermann vertreten waren. Thematisch dieser Sammlung
eng verwandt ist die Kollektion von Emil Heilbut in Hamburg (Hendrik
Ziegler, S. 41-65), der sich dezidiert vom Neoimpressionismus abwandte.
Heilbut nannte die früheste Sammlung von Gemälden Monets
in Deutschland sein eigen, sammelte jedoch bis hin zu Cézanne
und Whistler. Er trug wesentlich zur Durchsetzung des französischen
Impressionismus im Kaiserreich bei. Er hielt 1889 an der Weimarer
Kunstschule eine Vorlesung zur französischen Malerei. Hendrik
Ziegler legt dar, wie die von Heilbut vermittelte Anschauung Monetscher
Bildsprache einen wichtigen Entwicklungsschub innerhalb der Weimarer
Malerschule auslöste. Bei Christian Rohlfs, Theodor Hagen und
Ludwig von Gleichen-Russwurm lässt sich eine konkrete Stilveränderung
nachweisen. Heilbut war also nicht nur ein stiller Sammler, sondern
ein glühender Verfechter der impressionistischen Malerei Frankreichs,
die er in seiner Rolle als Redakteur verschiedener Zeitschriften (u.
a. "Kunst und Künstler", "Nation", "Freie
Bühne für modernes Leben", "Zukunft", vor
allem aber "Kunst für Alle") propagierte. Die Werke
seiner Sammlung waren konkretes Anschauungsmaterial einer neuen Kunst,
die auch Cézanne und Whistler einschloss. In der Person von
Harry Graf Kessler (Sabine Walter, S. 67-93), dessen Rolle für
die deutsche Museumslandschaft mehrfach die Forschung beschäftigt
hat, [4] wachsen Sammler und Lehrer zu einer Doppelrolle zusammen.
Kessler - Prototyp des weltgewandten Gentlemans, der als in Paris
aufgewachsener Sohn eines Hamburger Bankiers und einer irischen Baroness
in diese Rolle hineingeboren wurde - besaß in der Kaiserzeit
und den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eine der wichtigsten Sammlungen
moderner Kunst. Sie umfasste im Bereich der französischen Kunst
Werke des Neoimpressionismus und Pointillismus, der Nabis, von Gauguin,
van Gogh, Rodin und Maillol. Durch die freundschaftlichen Bande zu
Julius Meier-Graefe und Eduard von Bodenhausen wurde er einer der
Financiers der Zeitschrift "Pan", die - als Medium der Berliner
Avantgarde agierend - ihn auch bald in die Redaktion aufnahm. Die
Anfänge der Sammlung Kessler erwuchsen einerseits dem Bedürfnis
des Redakteurs, die vorgestellten Werke zu besitzen, andererseits
der Bedürftigkeit der Bohème. Finanziell unabhängig,
wurde Kessler zum Mäzen mittelloser Künstler, wie im Falle
Edvard Munchs. Der karitative Impetus wich bald dem freundschaftlichen,
der als Prinzip der Sammlung Kessler gelten kann. Kessler erwarb,
so die Autorin, oftmals Werke von Künstlern, denen er persönlich
verbunden war. Dies gilt vor allem für graphische Werke; in dieser
Gattung ist die Sammlung Kesslers, die gegen Ende seines Lebens unter
dem Druck finanzieller Schwierigkeiten verkauft werden musste, jedoch
kaum zu rekonstruieren. Ein persönlicher Kontakt lässt Kessler
nach seiner Tätigkeit bei "Pan" in einen neuen Lebensabschnitt
eintreten: die Bekanntschaft mit Henry van de Velde. Der Belgier gestaltete
Kesslers Berliner Wohnung und schuf dort ein Gesamtkunstwerk, das
nach bildender Kunst verlangte. Van de Velde machte Kessler mit dem
Neoimpressionismus bekannt, der das nächste Objekt der Sammlerbegierde
wurde. Kessler kaufte durch die Vermittlung des Architekten und des
ihm nahestehenden Paul Signac bei Vollard in Paris. Die genaue Kenntnis
der französischen Szene und der deutschen Avantgarde ermöglichten
eine neue Lebensphase; mit seiner Übersiedlung nach Weimar, die
der von Henry van de Velde direkt folgte, trat das Sammlertum zugunsten
einer neuen Berufung zurück: Die Residenzstadt "sollte
als Zentrum der europäischen Avantgarden etabliert"
werden (Walter, S. 72), wobei Kessler sich selbst in der Rolle des
Leiters, Koordinators und Reformers aller kulturellen Bereiche sah.
Tatsächlich realisierte er zwischen 1902 bis zu seinem Rücktritt
1906 über dreißig Ausstellungen zeitgenössischer deutscher,
französischer und englischer Kunst, wobei das enge und freundschaftliche
Netz, das zwischen einzelnen Avantgarde-Sammlern - Kessler stand mit
Eduard von Bodenhausen, Kurt von Mutzenbecher und Karl Ernst Osthaus
in engem Kontakt - bzw. zu französischen Galeristen bestand,
für Leihgaben sorgte. So hielt die Moderne in Weimar Einzug,
weil der Sammler Kessler eine Funktion als Museumsleiter und Ausstellungsmacher
übernahm. Diese in der Person Kesslers fassbare Verdichtung von
Erneuerungsmechanismen in den Aufgabenbereichen "Ausstellungen"
und "Museum" machen Walters Beitrag zu einem der für
das Thema des Sammelns interessantesten des Bandes. Daneben widmet
sich die Autorin den weiteren Stationen der Sammlung (Nabis, Cézanne,
Gauguin, Maillol, englische Buchkunst) und dem Schicksal des Sammlers
(1906 Rücktritt vom Weimarer Amt, Engagement für die Cranach-Presse,
finanzielle Krisen und Bilderverkäufe, endgültige Übersiedlung
nach Frankreich 1933), was hier nicht referiert werden soll. Carina
Schäfer stellt den Theaterintendanten Kurt von Mutzenbecher in
Wiesbaden vor (S. 95-124), dessen breit angelegte Kollektion im Bereich
der französischen Kunst von Honoré Daumier und Gustave
Courbet bis Henri Matisse und André Derain reichte. Der ihm
inhaltlich eng verbundene, facettenreiche Eberhard von Bodenhausen
(Felix Billeter, S. 125-147) schuf in konsequenter Weise eine Sammlung
neoimpressionistischer Kunst mit dem Schwerpunkt im Werk von Paul
Signac; die in anderen Sammlungen üblichen Werke französischer
Realisten oder auch Impressionisten blieben außen vor. Die Stadt
seines Wirkens war im wesentlichen Mülheim an der Ruhr, wo er
als Geschäftsführer der Tropon-Werke arbeitete, wenngleich
er seine sammlerischen Anfangsschritte bei der Zeitschrift "Pan"
in Berlin tat. Auch Otto Gerstenberg (Thomas W. Gaethgens und Julietta
Scharf, S. 149-184) wirkte in Berlin. Das Profil seiner Kollektion
lag in der Konzentration auf die graphischen Künste durch die
Jahrhunderte hindurch sowie in der französischen Malerei des
19. Jahrhunderts. Neben den Großstädten des Kaiserreiches
sind es immer wieder die regionalen Zentren, auf die der Leser gelenkt
wird. So war Bremen ein Zentrum der aktuellen Kunstdiskussion, für
die neben der Tätigkeit des Direktors der Kunsthalle, Gustav
Pauli, vor allem die finanzstarke Kaufmannschaft sorgte. Alfred Walter
Heymel, Leopold Biermann und der Bankier Johann Georg mit seiner Frau
Adele (Dorothee Hansen, S. 185-208) sorgten mit ihren Sammlungen für
eine "solide Modernität", die in der Hansestadt Einzug
hielt. Während Biermann deutsche Malerei sammelte und mit den
Werken Liebermanns hier einen Schwerpunkt bildete, konzentrierte sich
das Ehepaar Wolde auf französische Kunst von Courbet bis Cézanne.
Der leidenschaftliche Sammler Heymel stieß durch seine Freundschaft
zu Julius Meier-Graefe auf die französische Avantgarde (van Gogh,
Gauguin, Bonnard, Vuillard, Denis) und setzte bei der Graphik Toulouse-Lautrecs
einen besonderen Schwerpunkt seiner Sammlung, in der sich aber auch
Werke des Altmeisters Magnasco und japanische Holzschnitte fanden. München wurde auch für den nächsten Sammler, Bernhard Koehler (Silvia Schmidt-Bauer, S. 267-286), zu einem wichtigen Bezugspunkt. Dort begegnete der Berliner Industrielle Koehler 1910 dem jungen Maler Franz Marc, der zu seinem Berater in Kunstfragen wurde. Koehler sammelte Werke des "Blauen Reiters" - seine Sammlung bildet einen wichtigen Grundstock des Münchner Lenbachhauses - und Werke der französischen Kunst. Dabei ließ er sich anfangs so stark von Meier-Graefes "Entwicklungsgeschichte" leiten, dass seine Ankäufe geradezu als Entsprechung zu den Ausführungen des Kunstschriftstellers gelten können. Erst unter dem Eindruck der Bekanntschaft mit Franz Marc erweiterte Koehler seine Erwerbungspolitik und fand zu Matisse, Picasso und Delaunay. Zwar bildet die französische Kunst nur einen Zweig der reichen Koehlerschen Sammlung, die sich wie ein Who is Who der klassischen Moderne liest, doch sicherlich den, den der Sammler favorisierte. Verschiedene Ausstellungen seiner Sammlung boten der Avantgarde in den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein letztes, aufsehenerregendes Forum. Das Ende des Ersten
Weltkrieges markiert eine Wende im Profil der Sammlungen und der Sammler
gleichermaßen. Die Berliner Sammlung von Ernst Cassirer (Sabine
Beneke, S. 327-345), dem Bruder des Kunsthändlers Paul Cassirer,
bedeutet eine Epochengrenze, die als Leuchtturm weit in die Weimarer
Republik hineinstrahlt. Sowohl im Aufbau der Sammlung als auch in
der Intention des Sammlers verkörpert sie eine untergegangene
Ära. So nimmt es nicht Wunder, dass die Sammlung Cassirer 1933
als Ensemble einschließlich der Zimmereinrichtung im Ermeler
Haus, das zum Märkischen Museum in Berlin gehörte, präsentiert
wurde. Am Ende der Weimarer Republik wurde die Sammlung selbst als
geschlossenes Kulturbild einer vergangenen Zeit musealisiert, nicht
nur ihre Objekte. Cassirer wirkt wie ein Relikt des bildungsbürgerlichen
Wirkens der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Eine zeitgemäße
Sammlerauffassung vertritt hingegen Otto Krebs (Frauke C. Brader,
S. 287-309), der seine "Meisterwerke im Verborgenen" hielt.
Die gute Quellenlage, die der Autorin eine umfassende Rekonstruktion
gestattet, ersetzt hier die Prominenz des Namens. In zweiter Ehe mit
der Pianistin Frieda Kwat-Hodapp verheiratet, trug der Industrielle
Krebs auf seinem Gut Holzdorf bei Weimar eine bedeutende Sammlung
der Hauptvertreter des deutschen und französischen Impressionismus
und Neoimpressionismus, der Fauves und der Nabis zusammen. Dieser
Sammlung, die 1948 in die Sowjetunion abtransportiert wurde, kommt
eine Sonderrolle zu. Im Gegensatz zu den Sammlungen des ausgehenden
Kaiserreichs entstand sie im wesentlichen während der Weimarer
Republik und steht für einen neuen Typ des Sammlers. Zunächst
äußerst heterogen angelegt, belegt sie zum einen das langsame
Herantasten von Krebs an die Kunst. Die wirtschaftlichen Umstände
der frühen 1920er Jahre machten es nur einer Schicht, den "Kriegsgewinnlern",
möglich, große Namen zu erwerben. Bei Lichte betrachtet,
gehörte auch Krebs zu dieser Gruppe. Er kaufte und verkaufte
eine Vielzahl von Werken, jedoch nicht, um Gewinne zu erzielen, sondern
um stete Verbesserung der Qualität seiner Objekte bemüht.
Ab 1926 trat Krebs verstärkt als Leihgeber für Ausstellungen
in Galerien und Museen auf. Doch nur wenige Jahre später verschwand
er wieder aus dem Licht der Öffentlichkeit. Er entzog seine Kollektion
der reaktionären Kunsthaltung des "Dritten Reiches",
um Schaden von ihr abzuhalten. Die Bilder und Skulpturen verließen
den Tresor im Keller seines Gutshauses nicht mehr, bis sie schließlich
zum überwiegenden Teil als Beutekunst nach Russland verbracht
wurden. Zuvor war das Gut Holzdorf ein herrschaftliches Landhaus,
das ganz der Präsentation der Sammlung diente. Die Hängung
nahm auf Schulzusammenhänge keine Rücksicht und folgte ganz
dem Geschmack des Hausherrn. Sie erstreckte sich bis in die Nebenräume
und den Park und mischte dabei Objekte unterschiedlicher Gattungen,
Epochen und Kulturkreise. Nicht Auseinandersetzung mit Gegenwart und
Avantgarde war das Thema, sondern konfliktfreie Harmonie der Dinge.
Darin ähnelt sie der Barnes Collection oder den Sammlungen Schtschukin
und Morosow. Die Sammlung Krebs galt lange als verschollen, befand
sich aber tatsächlich großteils in den Geheimdepots der
Eremitage. Erst 1995 wurde sie in Teilen wieder der Öffentlichkeit
präsentiert. Auch die Sammlung Max Silberberg aus Breslau (Anja
Heuß, S. 311-325) geriet lange aus dem Blick der Öffentlichkeit.
Breslau, dessen wichtige Rolle im deutschen Kulturleben in letzter
Zeit wieder verdeutlicht wurde, [5] besaß zwischen den Weltkriegen
eine kulturell stark engagierte, jüdische Gemeinde, in der auch
namhafte Sammler ihren Platz hatten. Die Autorin nennt die Sammlungen
Leo Lewin, Ismar Littmann, Carl Sachs, Leo Smoshewer und Max Silberberg.
Wichtige Impulse gingen von der Akademie, der Kunst- und Kunstgewerbeschule
und nach dem Ersten Weltkrieg auch vom Breslauer Museum aus. Dem neuen
Direktor und ehemaligen Assistenten von Hugo von Tschudi in München,
Heinz Braune, war die Bindung des finanzkräftigen und kunstsinnigen
Großbürgertums an das Haus zu verdanken. Zahlreiche Stiftungen
und Schenkungen aus jüdischem Besitz bereicherten die Sammlungen.
Einer der wichtigsten Sammler war Max Silberberg. Die dünne Quellenlage
ist erst seit 1989 wieder in Gänze zugänglich, daher ist
die Forschung erst in jüngster Zeit auf diese wichtige Sammlung
aufmerksam geworden. Insgesamt umfasste seine Kollektion 130 Gemälde,
Skulpturen und Zeichnungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Den Kern
der Sammlung trug Silberberg zwischen 1920 und 1932 zusammen, wobei
der Schwerpunkt auf französischen und deutschen Impressionisten
lag. Dem vermögenden, assimilierten jüdischen Bürgertum
zugehörig, war Silberberg ein wichtiger Mäzen des Schlesischen
Museums und stiftete mehrfach Werke an die Sammlungen. Doch dies wurde
ihm nicht gedankt. Sein Reichtum schwand unter dem Druck der antijüdischen
Gesetzgebung des "Dritten Reiches"; er musste seine Sammlungsstücke
zwangsweise verkaufen, um Steuerforderungen erfüllen zu können.
Binnen weniger Jahre wurde Silberberg in den Ruin getrieben, die Sammlung
in alle Winde zerstreut. Der Autorin ist eine Rekonstruktion zu verdanken,
die erstmals wieder die Aufmerksamkeit auf diese wichtige Kollektion
lenkt. Im Bereich der französischen Kunst sammelte Silberberg
vergleichsweise konservativ (von Realisten und Impressionisten bis
hin zu Cézanne und van Gogh). Erste Verkäufe 1932 trugen
bereits frühzeitig zur Zerstreuung der Sammlung bei. Ihre Rekonstruktion
hat erheblich zur Frage der Restitution ehemals jüdischen Eigentums
beigetragen. Den Endpunkt des vorliegenden Bandes bildet ein Beitrag
zu Gottlieb Friedrich Reber (Peter Kropmanns und Uwe Fleckner, S.
347-407), dessen Name im wesentlichen mit einer wichtigen Kollektion
kubistischer Kunst verbunden ist. Nach dem Ersten Weltkrieg sammelte
Reber Werke von Picasso, Gris, Braque und Léger. Daneben galt
sein Interesse Cézanne, den er bis weit in die zwanziger Jahre
hinein kaufte und dessen Werke der zweite Schwerpunkt seiner Sammlung
war. Der umfangreiche Beitrag von Kropmanns und Fleckner stellt beide
Aspekte dar. Das dichte Netz von Informationen, das der Sammelband bietet, vermag zu begeistern und legt zugleich eine Schwäche bloß. Es ist ein großes Verdienst des Bandes, die Vielschichtigkeit der Sammlungen, aber auch des Sammelns aufzuzeigen. Andrea Pophanken und Felix Billeter nennen in ihrem einleitenden Beitrag (S. 11-21), der sich als Zusammenschau der daran anschließenden Einzeluntersuchungen sieht, einige Leitmotive des Buches, die sich aus der Gesamtlektüre ergeben. Eine wertvolle Gesamtschau zum Sammeln vor dem Ersten Weltkrieg, zum Zusammenhang von Bildungsbürgertum und Geschmacksbildung und zum Zusammenwirken von Museen und Sammlern findet sich auch, versteckt und daher unerwartet, im Beitrag von Sabine Beneke zur Sammlung Alfred Cassirer (S. 327-345). Doch sieht man davon ab, fehlt eine Zusammenschau anderer wichtiger Aspekte, die dem Verständnis des Gesamtphänomens förderlich wären. Neben Sabine Benekes Ausführungen finden sich kaum weiterreichende Überlegungen zu Wesen und Selbstverständnis der Sammler. Dabei böte das Material die Möglichkeit, in einem Resümee ein Psychogramm des Sammelns zusammenzustellen, wie dies Emil Waldmann bereits 1920 getan hat. [6] Karitative und bildungsbürgerliche, ästhetische und eigennützige Motive ließen sich zu Gruppen zusammenfassen. Immer wieder scheint die Rolle der Zeitschriften auf, die nicht nur neue ästhetische Anschauungen propagierten wie "Kunst und Künstler" oder "Pan", in dessen Planetensystem wichtige Sammler und Kritiker kreisten (z. B. Harry Graf Kessler oder Kurt von Mutzenbecher), sondern auch durch die Porträts einzelner Sammlungen zu Multiplikatoren wurden. Immer wieder sprechen die Autoren die Rolle einzelner Künstler an, die zu Vermittlern neuer französischer Kunst wurden wie Franz Marc bei Koehler oder Henry van de Velde bei Harry Graf Kessler, der nicht nur wiederholt als Architekt für den inszenatorischen Rahmen der Sammlungen sorgte, sondern direkte Kontakte vermittelte. Und immer wieder scheint die Rolle von persönlichen Freundschaften oder gesellschaftlichen Zirkeln auf, die für die Weitergabe von Ideen und, ganz konkret, Kunstwerken sorgten. Leitmotivisch durchziehen die Namen der wichtigen Kunstschriftsteller Richard Muther und vor allem Julius Meier-Graefe die Beiträge. Ihre Rolle ist sattsam erforscht und muss nicht eigens noch einmal herausgestellt werden. Leitmotivisch finden sich aber auch die Namen der bedeutenden deutschen und französischen Galerien (z. B. Arnold-Gutbier, Bernheim, Cassirer, Durand Ruel, Flechtheim, Kahnweiler, Rosenberg, Schuffenecker, Thannhauser oder Vollard) wieder, in denen die Sammler kauften. Hier wäre ein eigenständiger Beitrag oder auch nur eine tabellarische Übersicht im Anhang hilfreich gewesen, um den jeweiligen Kundenkreis bzw. die Überschneidungen mit anderen Galeristen aufzuzeigen. Die Rolle des Kunsthandels bei der Verbreitung der Moderne ist seit einigen Jahren Forschungsgegenstand. [7] Der hier angezeigte Band verrät immer wieder, wie das Zusammentreffen von Sammlern in den Galerien und der geistige Austausch, der in diesem Zusammenhang stattfand, die Sammlungen selbst beeinflussten. Die Rolle der Händler, die sich auf einen engen Kreis begrenzen lassen, ist beträchtlich. Sie definieren gleichermaßen die "land marks" der Moderne, die in die deutschen Sammlungen gelangten. Vereinzelt kaufen die Sammler zwar auch direkt in den französischen Ateliers und sind gerade der Pariser Kunstszene freundschaftlich verbunden. Doch der Regelfall ist der der Zusammenarbeit mit den großen Kunsthandlungen in Deutschland und Paris. Schließlich wäre auch ein Überblick zum Rahmen der Präsentation von Sammlungen sinnvoll. Keineswegs handelte es sich um Kollektionen, die nur das einsame Sammlerherz erfreuten, wie die Sammlung Krebs. Sammler konzipierten, unter Beteiligung namhafter Innenarchitekten, ensemblehafte Interieurs für ihre Werke wie Harry Graf Kessler oder Kurt von Mutzenbecher, machten sie der Öffentlichkeit zugänglich wie Eduard Arnhold oder Otto Gerstenberg, nutzten die Werke für didaktische Zwecke in ihrer Doppelrolle als Sammler und Lehrer oder Kritiker wie Emil Heilbut oder Eberhard von Bodenhausen. Erst die Gesamtlektüre des Bandes erschließt diese Überlegungen zur Gänze. Eine Ahnung dessen,
was sich einstmals in diesen deutschen Sammlungen befand und durch
freiwillige oder unfreiwillige Verkäufe in Museen gelangte, im
Krieg zerstört wurde oder über den Kunsthandel in unbekannte
Hände kam,vermitteln die 16 Farbtafeln und 86 Schwarzweißabbildungen
des Bandes in durchgehend hoher Qualität. Sorgfältig lektoriert,
bietet der Band inhaltlich und optisch eine Bereicherung. Es bleibt
zu hoffen, dass weitere Publikationen zu diesem Forschungsfeld folgen,
zumal die als Anhang zusammengestellten Kataloge einzelner Sammlungen
nicht nur überaus wertvolle Informationen bieten, sondern Anstoß
zu weiteren Quellenforschungen geben könnten. Anmerkungen: [1] Diese Phase der Auseinandersetzung mit der französischen Moderne wurde unlängst in einer Ausstellung der Bremer Kunsthalle dokumentiert. Vgl. indiesem Zusammenhang: Van Gogh: Felder. Das Mohnfeld und der Künstlerstreit.Hg. v. Wulf Herzogenrath u. Dorothee Hansen [Katalog zur Ausstellung in der Kunsthalle Bremen, 19. Oktober 2002 bis 26. Januar 2003], Ostfildern-Ruit 2002. [2] Vgl. Manet bis van Gogh. Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne. Hg. v. Johann Georg Prinz von Hohenzollern u. Peter-Klaus Schuster [Katalog zur Ausstellung in der Alten Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 20. September 1996 bis 6. Januar 1997 und in der Neuen Pinakothek, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, 24. Januar bis 11. Mai 1997], München u.a. 1996. [3] Michael Dorrmann: Eduard Arnhold (1849-1925). Eine biographische Studie zu Unterrnehmer- und Mäzenatentum im Deutschen Kaiserreich, Berlin 2002. [4] Zuletzt: Aufstieg und Fall der Moderne. Weimar - ein deutsches Beispiel 1890-1990. Hg. v. Rolf Bothe [Katalog zur Ausstellung in den Kunstsammlungen zu Weimar 1999], Weimar 1999; weiterhin die beiden folgenden Biographien: Peter Grupp: Harry Graf Kessler 1868-1937, München 1995 und Burkhard Stenzel: Harry Graf Kessler. Ein Leben zwischen Kultur und Politik, Weimar/Köln/Wien 1995. [5] Von Otto Mueller bis Oskar Schlemmer: Künstler der Breslauer Akademie. Experiment, Erfahrung, Erinnerung. Hg. v. Kornelia von Berswordt-Wallrab[Katalog zur Ausstellung im Staatlichen Museum Schwerin, 11. Mai bis 11. August 2002, im Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg, 12. September bis 27. Oktober 2002 und im Nationalmuseum Wroclaw, 20. November 2002 bis 19. Januar 2003], Schwerin 2002. [6] Emil Waldmann: Sammler und ihresgleichen, Berlin 1920. [7] Vgl. z. B.
Ruth Negendanck: Die Galerie Ernst Arnold (1893 - 1951). Kunsthandel
und Zeitgeschichte, Weimar 1998; leider wurde die Arbeit bei den Beiträgen
nicht vertieft herangezogen. |
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Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 5.8.2003