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Schon seit längerem
scheint sich die Debatte um die Körperwelten-Ausstellung, die
seit 1996 um die Welt tourt und bereits an die 14 Millionen Besucher
angezogen hat, unendlich zu wiederholen. Es werden immer dieselben
Argumente bemüht, die Ausstellung wird mit nicht zu diskutierender
Begeisterung oder Ablehnung aufgenommen, was zu kriegsartigen Polarisierungen
geführt hat. Welche wissenschaftlichen, ästhetischen, politischen,
rechtlichen, sozialen und kulturellen Folgen diese Ausstellung hat
und noch haben wird, scheint in den Kontroversen allerdings nicht
von Interesse zu sein. Eine Auseinandersetzung mit diesen Aspekten
erhoffte ich mir von dem vorliegenden Buch, erschienen als zweiter
Band in der 2002 begründeten Berliner Medizinhistorischen Reihe.
Obwohl die Ausstellung
fast alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft und diese in die Diskussion
mit einbezieht, waren bis auf einen Kunsthistoriker und einen Philosophen
nur Mediziner an dem Sammelband beteiligt. So entsteht gleich zu Beginn
mit der Einführung von Thomas Schnalke ",Körperwelten'
und kein Ende. Zur Einführung" (1-2) der Eindruck, als ginge
es nur um die Verteidigung der medizinischen Wissenschaft und nicht
auch um ein kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. "Ein
letztes Refugium der Wissenschaft soll geöffnet werden"
(1) heißt es da, womit die Anatomie gemeint ist. Damit stimmt
Schnalke von Hagens zu, der behauptet, dass die Medizin dem Laien
bisher ihr Wissen vorenthalten hat, um ihre Machtposition zu wahren.
Schnalke folgt von Hagens aber noch weiter, indem er betont, dass
in der Ausstellung neue, ungewohnte Körperperspektiven erprobt
würden, ganz ohne Bedenken, dass es sich hierbei um menschliche
Körper handelt, um Tote. Auch hinterfragt Schnalke nicht, wozu
derartige Perspektiven gut sein sollen. Es folgt ein Hinweis darauf,
dass von Hagens ein "Menschenmuseum" gründen will.
Dies alles jedoch ohne jeglichen Hinweis auf die unzähligen Vorträge,
Reden, Interviews, Filme, Texte und Bücher, mit denen die Ausstellungsbefürworter
den medialen Markt überschütten, mit denen sie die Unantastbarkeit
der Menschenwürde in Frage stellen, Änderungen des Bestattungsrechts
beanspruchen, die Grenzen von Kunst und Wissenschaft, Leben und Tod
und damit auch ein sich veränderndes Menschen- und Gesellschaftsbild
aufzuheben versuchen und neu zu definieren beanspruchen.
In seinem Beitrag
"Demokratisierte Körperwelten. Zur Geschichte der veröffentlichten
Anatomie" (3-28) geht Schnalke auf die Entwicklung der
Medizingeschichte ein und kommt sogar zu dem Schluss, dass der Kontext
von Geschichte und Kunst Gunther von Hagens sozusagen eine Art Freibrief
für seine Ausstellung gebe. Hier stellt sich die Frage, warum
Schnalke diese Schlußfolgerung in seinem Text nicht nachvollzieht.
So wird die Geschichte der Anatomie dargestellt, nicht aber von Hagens
Umgang damit. Ein medizinhistorischer Überblick, der einführend
z.B. in der Mannheimer Ausstellung zu sehen war, ist, bis auf einige
Drucke und Bilder, mittlerweile nicht mehr Bestandteil der Ausstellung
"Körperwelten". Um historische Parallelen zu konstruieren,
werden beispielsweise Repliken historischer Darstellungen den Plastinaten
gegenübergestellt. [1] Schnalke reduziert das Problem auf ein
Verhältnis von Kunst und Medizin, unterscheidet aber nicht die
Zwecke historischer Darstellungen: Sind Leonardo da Vincis Bilder
einfach ,nur' medizinische Bilder, die "keinem Schönheitsideal,
huldige[n]", sondern nüchtern und funktional die Anatomie
zeigen? (5) Ist der Vermittlungsauftrag, der schon im Lehrbuch für
Anatomie von Andreas Versalius deutlich werde, einfach mit von Hagens
Populärwissenschaft zu vergleichen?
Schnalke beschreibt
also die alten anatomischen Bilder mit ihrer Agonie, ihren Todeskämpfen
als Memento Mori, auch weist er auf die Wirkung ,künstlerischer'
Anatomie als ,Normalität' hin, die den Mediziner in die Nähe
zum Schöpfergott rücke, unterscheidet aber dennoch nicht
zwischen den Bildlichkeiten und Bedeutungen. In gewisser Weise wiederholt
der vorliegende Sammelband in der Zusammenstellung seiner Bilder den
Katalog zur Ausstellung "Körperwelten", indem es die
darin enthaltenen Abbildungen kritiklos übernimmt. Mehr noch,
auch die Bildkommentare sind falsch: So heißt es, die Ausstellung
zeige die Entwicklung der Mikrostrukturen des Embryos hin zum Körper
mittleren Alters. Doch ist weder das Alter der jeweiligen Körper
zu bestimmen, die allesamt eine jugendliche Straffheit suggerieren,
noch sind
die abgebildeten Embryonen Plastinate (21). Das als "Muskelmann
mit Organen. Ganzkörperplastinat" beschriftete Bild zeigt
z.B. eben nicht das "Organpaket", das neben dem Körper
aufgestellt ist, und macht somit die bemerkenswerten Ganzheitsvorstellungen
unkenntlich. Die Plastinate, so Schnalke, zeigen außerdem, in
Korrespondenz zur Genetik, wie veränderbar das Echte, das Faktische
ist. Auch hier verschwindet die Frage, was damit gemeint ist, hinter
einem ungenauen Vergleich. Aber auch Schnalkes Behauptung, "Der
vermittelte Blick trifft also auf eine anonyme Anatomie" (7),
missachtet alle Informationen, die es über Plastinate gibt, und
überträgt vielmehr ein schon vorhandenes medizinisches Wissen
auf ein neues Phänomen und seinen Wirkungen. So spricht von Hagens
angesichts dieser "anonymen Anatomie" vom "individuelleren
Gesicht des Individuums", vom "Besucher selbst" und
von "postmortaler Existenz", die durchaus religiöse
Anbindungen zeigt, wenn von der "Auferstehung des befleischten
Leibes" die Rede ist. Das abschließende Argument Schnalkes,
die Menschen wollten sich angesichts der Medizin und ihrer technologischen
Möglichkeiten neu positionieren, scheint dementsprechend viel
zu kurz gegriffen und ist nicht verständlich ausgeführt.
Denn in der Tat mutet die Körperwelten-Ausstellung angesichts
der modernen Biotechnologie etwas altmodisch an, greifbar und handfest.
Wilhelm Kriz,
von dem der zweite Beitrag "Neuartig präparierte Anatomie
- ausgezeichnet durch Akzeptanz der Besucher" (29-33) stammt
und der ein langjähriger Befürworter von Hagens ist, legitimiert
die Ausstellung einmal mehr mit ihrer großen Akzeptanz. Bisher
wurde allerdings nach der Art der Aufklärung gefragt, die diese
Ausstellung vermittelt. Kriz schreibt, die Präsentation werde
als wertvoll angesehen und von den Besuchern mit Ernsthaftigkeit und
Betroffenheit bestaunt. Nach mittlerweile sechs Jahren hat sich das
Besucherverhalten allerdings auch geändert. Die Besucher empfinden
manche Darstellungen als Amüsement, die Besucherbücher enthalten
keine Hinweise auf einhellige Begeisterung und auch die Präsentationsform
der Ausstellung selbst hat sich verändert. Die Plastinate zerfallen,
sind verschmutzt und schlecht restauriert und waren in Hamburg sogar
auch noch lieblos und unzusammenhängend in die kleinen Ausstellungsräume
des Erotic Art Museum eingestreut. Kriz aber behauptet weiterhin,
dass es an einer fundierten Kritik an der Ausstellung mangele. Damit
zeigt sich einmal mehr, wie die Befürworter der Ausstellung mit
der ihnen vorgeblich "erwünschten Kritik" (von Hagens)
umgehen. Die Besucher wollen laut Kriz in der
Ausstellung nicht die Anatomie kennenlernen, sondern erfahren, wie
der Mensch von innen aussieht. Entwässert, entfettet, gefärbt,
geschnitzt,
blutleer und in Pose gebracht? Das Flüssige, Blutende, Zerfallende
und sich Bewegende wird hingegen mit Ekel in Verbindung gebracht und
trifft sowohl für den Lebenden mit seiner "täglichen
Exkrementenschau" zu, wie aber auch für den toten Körper,
den von Hagens als "Madensack" oder "Massakerpräparat"
[2] beschreibt. So werden die künstlichen Präparate der
echten Leichen als gänzlich authentische Natur umdefiniert, als
Enthüllung und Befreiung der Natur von einer entstellenden Kultur,
die auch der lebende Mensch zu sein scheint.
Reinhard Putz
wiederholt in seinem nachfolgenden Aufsatz "Der Anatom, das Leben
und der Tod" (35-42) hingegen die allgemein gängigen Einwände
der Mediziner. Die Anatomie müsse eine Norm darstellen und sich
von der Pathologie abgrenzen. Einige der Präparate hätten
durch ihre Inszenierung keinen anatomischen Bezug und seien völlig
aus dem funktionellen Kontext gerissen, was es dem Besucher verwehren
würde, den Zusammenhang zwischen beiden Arbeitsbereichen zu erkennen.
Dies sei, so Putz, ein Rückschritt in der Erkenntnisvermittlung.
Das Charisma des anatomischen Lehrers müsse der akademischen
Ausbildung dienen. Putz folgt damit auch einem alten Argument,
das bereits bei der Bewertung anatomischer Wachsfiguren formuliert
wurde: die scharfe Trennung zwischen Wissenschaft und Populärwissenschaft
bei Objekten, die gerade durch ihre angebliche ununterscheidbare Ähnlichkeit
vom ,Echten' sowohl als wissenschaftlich, realistisches Abbild, wie
aber auch als unheimliches Lust- und Schauderbild fungieren können.
Genau dies lehnt von Hagens strikt ab, denn er er versteht seine Präsentation
nicht als ein "Schicksalmuseum wie Madame Tussaud". Die
Ästhetik der Plastinate ist in der Tat eine andere als bei den
Wachspräparaten. Da Putz nicht das Problem ausführt, das
Gezeigte als Anatomie zu verstehen, erscheint seine Kritik vielmehr
als die Angst des Mediziners vor dem Verlust seiner Reputation und
seiner Position innerhalb der Gesellschaft.
In seinem Beitrag
"Der endgültige Abschied vom Leib? Mit ihrer ,Faszination
des Echten' definiert die Ausstellung ,Körperwelten' auch, was
echt ist und was nicht" (43-53) geht Andreas Winkelmann auf das
eigentliche Problem der Ausstellung ein, nämlich auf die Präsentation
medizinischen Wissens. So beginnt sein Aufsatz mit einem anschaulichen
Beispiel: Der Anatom Verheyen (1648-1710) habe sein eigenes amputiertes
Bein seziert. Heute - so Winkelmann - hätte er es plastinieren
lassen und zuhause aufbewahren können. Bei Phantomschmerzen hätte
er sich fragen können, "was denn nun ,echter' sei, das gefühlte
oder das präparierte Bein." Das Beispiel weist auf ein zentrales
Problem der Ausstellung hin, denn es macht den Unterschied zwischen
dem lebendigen Körperteil und den vor den Besuchern ausgestellten
präparierten, toten Teilen spürbar; zeigt, dass das Ausgestellte
zwar nicht falsch, aber eben nur ein bestimmter Ausschnitt des Ganzen
sei. Doch genau dieser Schwebezustand zwischen der Aussage "es
sind echte Menschen" und der Konfrontation mit einem radiergummiartigen,
künstlichen Präparat, scheint u.a. diese wort- und reflektionslose
Faszination hervorzurufen. Winkelmann analysiert die Ausstellung als
kulturelles Phänomen, das eine ganz bestimmte Sicht auf den Menschen
propagiere, der sich auf das Körperliche, das Materielle reduziere
und den Leib als gelebte Wirklichkeit verdränge. Der Körper
der Körperwelten "entspricht dem Körpermodell der westlichen
Medizin,
die ihren Gegenstand, wenn auch oft unausgesprochen, als primär
materiell, objektiv, teilbar und uneingeschränkt zugänglich
definiert und für die der Unterschied zwischen lebendem und totem
Material oft gering ist." (47) Leider geht Winkelmann nicht auf
die Konsequenzen eines solchen Körpermodells für die Ausstellung
ein. Vielmehr erklärt er ihren Publikumserfolg mit einem sich
bei den Besuchern durchsetzenden
biomedizinischen Menschenbild und einer zunehmenden Medikalisierung
des Menschenbildes. Damit aber wären die vielen religiösen
und
heilsversprechenden Züge der Ausstellung vergessen, die vielleicht
auch bei der streng rationalen, säkularisierten Biomedizin zu
finden sind. Worauf Winkelmann aber sehr deutlich aufmerksam macht,
ist das Phänomen, dass die Besucher die ausgestellten Körper
nicht nur als wissenschaftliche Realität anerkennen, sondern
auch als ihre eigenen Körper wieder erkennen. Damit erhält
die Anatomie das Definitionsrecht über den menschlichen Körper
bzw. über den Menschen. Und genau das ist bei genauerem Hinsehen
im Zuge der Ausstellung wirklich zu erkennen - bis hin zur Definition
des lebendigen Menschen als "eklig, unauthentisch, nicht individuelles,
kulturell verstelltes" Etwas [3]. Wie Winkelmann schreibt, treten
Hunger, Lust oder Schmerz hinter der naturwissenschaftlichen Realität
des Körpers zurück. Der Text schließt mit einem bemerkenswerten
und wichtigen Vergleich: Die Anatomie muss wie die Archäologie
Spuren bewahren. "Wie die Archäologie
hätte sie dann allerdings nicht die Faszination des Echten zu
bieten, sondern ,nur' die Faszination des Vergangenen." (52)
Das würde letztlich den Unterschied zwischen Leiche und Leben
deutlich machen. Die Bedeutung einer solchen Unterscheidung zwischen
Leben und Tod ist geradezu überlebensnotwendig.
Ganz anders geht
Burghardt Wittig in seinem Beitrag "Was Gene bestimmen und was
nicht" (55-60) vor, der - auch wenn er kein Befürworter
von Hagens ist - genau wie dieser beansprucht, das Leben eindeutig
definieren zu können, nämlich nach dem Genom, nach dem,
was lebende Systeme ausmacht. Um dann zu dem Schluss zu kommen, dass
die Gestalten in der Ausstellung zwar die Gestalt des Lebens erhalten
hätten, nicht aber die Definitionspunkte des Lebens aufweisen:
Stoffwechsel, Reproduktion, Reaktion. Und da Wittig auch die Würde
des Menschen von diesen Kriterien ableitet, und die Plastinate schließlich
nicht lebend seien, müsse man hier auch nicht von Menschenwürde
sprechen. Auch wenn die Lebensdefinition also eine ganz andere ist
als die der Ausstellung, treffen beide sich in ihrem absoluten Definitionsanspruch.
Ein Anspruch, der auf Gesetze (hier die Unantastbarkeit der Menschenwürde)
zugreift, mit dem Verlangen, diese endgültig und diskussionslos
zu definieren.
Die Konsequenz
dessen zeigt sich besonders deutlich in den Schriften des ,Hausphilosophen'
von Hagens, Franz Josef Wetz. In seinem Beitrag "Ist die Würde
der Toten antastbar?" (61-69) ist wiederholt sein Anspruch zu
lesen, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen aufzuheben.
Welche Konsequenzen damit denkbar werden, sind in den letzten Jahren
und Monaten immer wieder in den Medien zu lesen gewesen (z.B. bezüglich
der Folter oder der Stammzellenforschung etc.). Wetz argumentiert,
dass der Begriff der Würde unbestimmt sei und daher missbraucht
werde. Die Würde - so Wetz - entstamme nicht Gott, der Natur
oder Vernunft, sondern entstehe erst im Umgang des
Menschen mit sich und seinesgleichen, des Staates mit seinen Bürgern
usw. Gott, Natur und Vernunft seien dafür ungeeignet, da sie
weltanschaulich ausgerichtet seien. Wetz beansprucht für sich
und auch für von Hagens also eine Würde, die davon unabhängig
ist und rückt damit seinen Anspruch in die Nähe einer absoluten,
natürlichen Wahrheit, gänzlich unabhängig vom menschlichem
Leben, vielleicht vom Leben überhaupt. Zugleich beansprucht er
damit für sich und von Hagens aber auch das diskussionslose Recht,
die Menschenwürde zu definieren. Das sich darin zeigende Menschenbild
ist erschreckend. Eines, das - wie in der Ausstellung - vergessen
machen will, dass wir Menschen vor uns haben, Menschen, die sich eben
nicht wie Werkzeuge unserer Handhabe und Kontrolle fügen. Wetz
(und von Hagens) definieren ihren
Menschen mit einem Anspruch absoluter, unverstellbarer Wahrheit. Solange
die Kritiker der Ausstellung den Begriff der Menschenwürde, die
angeblich dort verletzt wird, nicht genau zu definieren vermögen,
bleibt die von ihnen beanspruchte moralische Überlegenheit zweifelhaft.
Wetz meint entsprechend zum Begriff der Würde des Menschen: "Staat
und Recht sollten so tun, als gäbe es sie überhaupt nicht,
weil niemand einem anderen die Anerkennung einer bestimmten Weltanschauung
aufzwingen darf." (73) Welche Weltanschauung aber
vertritt Wetz mit seiner undiskutierbaren Demokratisierung der Menschenwürde?
Der Frage nach
der Art des Wissens, die in der Ausstellung vermittelt wird, hat sich
Klaus Bergdolt in seinem Aufsatz "Installation aus Menschenmaterial
oder die missbrauchte Didaktik" (71-81) gewidmet. Er verweist
dabei auf die vielen anderen Möglichkeiten, Anatomie zu vermitteln,
die keine Kontroversen auslösen würden. Das rein anatomische
Wissen scheint es also nicht zu sein, um das es den Ausstellungsbesuchern
geht. Bergdolt macht auf den Einsatz von Skandalen und Empörung
sowie auf die Problematik einer Historisierung und
Gleichsetzung historischer Erscheinungen aufmerksam. Leider werden
diese Punkte im Verlaufe des Beitrages nicht näher ausgeführt.
Der letzte Text des Bandes "Grenzfragen von Kunst und Medizin"
(83-107) von Horst Bredekamp beschreibt das Verhältnis von Medizin
und Kunst aus der Perspektive eines Kunsthistorikers. Bredekamp zeigt,
wie sich beide gegenseitig bedingen, wie Künstler dazu beigetragen
haben, dass aus der Sektion eine empirische Methode wurde, u.a. durch
die Erfindung der Perspektive und ihrer Darstellbarkeit. Die Trennung
von Medizin und Kunst werde nun aber mit von Hagens Ausstellungen
wieder geschlossen. Doch von Hagens begnügt sich nicht damit,
die Wiedervereinigung von Medizin und Kunst voranzutreiben, vielmehr
erscheinen die in der Ausstellung präsentierten Graphiken und
Bilder
lediglich als Zitationen zu seinen Plastinaten. Diese sind sozusagen
Abbildungen des Realen, Bilder ohne Bild und damit auch keine Kunst,
sondern eine kunstlose Naturästhetik. Sie erscheinen als wahre
Schönheit der unverstellten Natur, die er mit seinem Tun nicht
künstlerisch hergestellt, sondern vielmehr aus ihrer künstlichen
Verstellung herausgeschnitten, von ihrer Verdeckung befreit hat. [4]
Im gesamten Sammelband
gibt es keinen Text, der sich z.B. auf den millionenfach verkauften
Ausstellungskatalog bezieht, der auf die nahezu
unendliche Fülle von Texten, Filmen und Interviews eingeht, die
nicht nur die Widersprüche in der Argumentation von Hagens verdeutlichen
würden, sondern auch seine willkürlichen Verschiebungen
sogenannter ,Fakten'. Die Frage der Sichtbarkeit ist aber gerade eine
der schwierigsten bei dieser Ausstellung, denn sie suggeriert, dass
der Tod zu sehen ist, und dies auf eine gar nicht so erschreckende
Weise. Die den Band abschließende Dokumentation der Podiumsdiskussion
"Vom Tod zum Leben" (109-123), an der Körperspender,
drei Mediziner (Bogusch, Dreier, Graf), der Berliner Wissenschaftskoordinator
Bernd Köppl, der Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl und
der Restaurator des Ägyptischen Museums Berlin, Karl Heinrich
von Stülpnagel, sowie Gunther von Hagens beteiligt waren, lässt
nur in aller Kürze auch die Theologie zu Worte kommen. Ein Beitrag,
dem man durchaus mehr Platz hätte einräumen sollen: "Die
Art und Weise, wie wir mit unseren Toten umgehen, hat etwas damit
zu tun, wie wir mit uns selbst als geschichtliche Wesen verfahren.
(...) Müssen wir Tod und Sterben nicht wieder viel stärker
als das begreifen, was es tatsächlich ist - nämlich ein
soziales Beziehungsereignis zwischen dem, der später tot ist
und jenen, die als Hinterbliebene etwas mit ihrem Toten anfangen?
In diesem Zusammenhang hat der Leichnam eines Verstorbenen eine erhebliche
Funktion. Einen Leichnam zu bestatten, zeugt nicht nur von Respekt
vor dem Verstorbenen, sondern ist ein Ritual der Trauer." (112)
Angesprochen ist damit auch eine Grenze unserer Macht, unserer Kontrolle
und unseres Wissens, etwas, das im Zuge der ganzen Erklärungsversuche
zu kurz gekommen ist. Man kann dieses ,neue' Phänomen nicht einfach
mit den ,herkömmlichen' Argumenten der Kunst und Medizin erklären.
Die Definitions- und Grenzverschiebungen von Leben und Tod, von echt
und unecht, von Kunst und Wissenschaft müssen vielmehr genauer
betrachtet werden. Denn wie verhält es sich mit all diesen Oppositionen,
wenn von Hagens behauptet, dass "der, der dann dort als Plastinat
steht, (...) weiß, was auf ihn zukommt" (115)? Es scheint
keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod zu geben, in seinem
absoluten Tod, der "postmortalen Existenz", erscheint hier
vielmehr ein absoluter Tod, der beansprucht, das Leben selbst zu sein.
Anmerkungen:
[1] Liselotte
Hermes da Fonseca: Wachsfigur - Mensch - Plastinat. Über die
Mitteilbarkeit von Sehen, Nennen und Wissen. In: Deutsche
Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte
73 (1999), H. 1, S. 43-68.
[2] Gunther von Hagens: Der plastinierte Mensch. In: Körperwelten.
Einblicke in den menschlichen Körper (30. Oktober 1997 bis 1.
Februar 1998, Institut für Plastination - Landesmuseum für
Technik und Arbeit in Mannheim), hg. v. Landesamt für Technik
und Arbeit in Mannheim, Mannheim 1997, S. 203.
[3] Vgl. Hermes da Fonseca (1999).
[4] Ebd.
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