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| Olaf Goubitz /Carol van Driel-Murray/Willy
Groenman-van Waateringe: Stepping Rezensiert von |
| Summary: Der Restaurator Olaf Goubitz, bis zu seiner Pensionierung Mitarbeiter beim Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek, ist sicherlich der bedeutendste niederländische Schuhforscher. International sind jedoch seine beiden Koautorinnen, die Archäologin Carol van Driel-Murray und die Biologin Willy Groenman-van Waateringe, wahrscheinlich bekannter, da sie ihre Forschungen zu bedeutenden europäischen Fundkomplexen (darunter Vindolanda, Svendborg und Haithabu) auch in englischer und deutscher Sprache veröffentlichten. Allein diese hochkarätige Autorengruppe weckt schon die Neugier auf ihr Werk, dessen Untertitel eine Gesamtschau zumindest aller europäischen Schuhfunde erwarten lässt. Jede/r der drei zeichnet für einen eigenständigen Abschnitt des Buches verantwortlich, die deshalb getrennt besprochen werden sollen: O. Goubitz' bestreitet mit 334 Seiten den Hauptteil zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Schuhen in den Niederlanden. Die dort extrem breite Materialbasis erlaubt eine geradezu paradigmatische Betrachtung, ausländische Funde werden nur als Vergleichsmaterial herangezogen. Die erste Hälfte erörtert das "Footwear Phänomenon" in all seinen Aspekten: hier finden sich nicht nur vielfältige Informationen zu Material, Verarbeitung, Restaurierung und Interpretation von Schuhfunden, sondern auch ein zugehöriges Glossar mit detaillierter "Checklist" als Anleitung zur Inventarisation von der Sohle bis zum Schaftrand. Die brillanten Zeichnungen belegen die geschulte Hand und die langjährige Erfahrung des Restaurators, sie entschädigen aber auch für vermeidbare Wiederholungen und eine gewisse mangelnde Stringenz des Aufbaus. Ansonsten lässt dieser Teil fast keine Wünsche offen: allenfalls fehlt eine Schemazeichung zur Illustration des "Glossary" und - ein echtes Desiderat - eine Bildtafel zur Lederartbestimmung (z.B. bei W. Groenman-van Waateringe, Society... rests on leather, in: Renaud, J.G.N. (Hg.), Rotterdam Papers II. A Contribution on medieval archaeology, Rotterdam, 1975, 23-34 fig. 5). Die zweite Hälfte der Abhandlung präsentiert die Typologie der Schuhe, die O. Goubitz in gängiger Weise nach den Verschlusslösungen ordnet. Die Gliederung überzeugt nicht ganz, so stehen sich einerseits einige Typen strukturell sehr nahe, etwa "Thong Fastening" (Schnürung um die Wade), und "Crosswise Fastening" (überkreuzte Schnürung um die Wade). Andererseits werden Varianten desselben Verschlusses auf unterschiedliche Typen verteilt, z.B. finden sich Spangenschuhe unter "Instep-Toggle Fastening" (S. 162 fig. 1) und umständlich bezeichnet unter "Instep Strap Fastening on Transverse Vamp Opening" (S. 169 fig. 9). Dagegen glänzt dieser Teil mit einer Fülle informativer Ausführungen zu Varianten und Detailgestaltung sowie mit einem sehr breiten Spektrum wiederum hochwertiger Abbildungen. Leider sind die Quellenbelege knapp gehalten oder fehlen, auch wäre insgesamt eine sorgfältigere Redaktion der Bildunterschriften (unbeschriftet: S. 265 fig. 53) und der Bibliographie (z.B. S. 334: Schnack 1996 erschien 1994) wünschenswert. Dementsprechend könnte es schwierig werden, die auf der langjährigen Berufserfahrung basierende zeitliche und soziale Einordnung der Funde im archäologischen Kontext nachzuvollziehen oder mit dem Fortschritt der Forschung auch zu korrigieren. Dieser Abschnitt des Buches wird wohl weniger als Standardtypologie denn als wertvoller Bildatlas Bestand haben, der eine wahre Fundgrube für Vergleichsobjekte abgibt. Auch seine facettenreichen Ausführungen zum Schusterhandwerk sind für die europäische Forschung von bleibendem Wert. C. van Driel-Murray gibt auf 40 Seiten eine Übersicht zum Schuhwerk der römischen Provinzen Gallia Belgica und Germania Inferior - unter Berücksichtigung der von ihr bearbeiteten Funde aus Vindolanda und Welzheim. Nach einer kurzen Einführung zum Handwerk des Schusters umreißt sie Dekoration und Ausführung der meist sandalenartigen Fußbekleidung des Legionärs, die sie auf einer - leider nur dürftig beschrifteten - Typentafel zusammenstellt. Ausführlicher geht sie auf die Verbindung von Oberleder und Sohle als wichtigem Datierungskriterium ein. Anstelle eines Fundkatalogs schließt ihre Abhandlung mit "Case studies" zu Form, Verarbeitung, europäischer (sic!) Verbreitung und Datierung der neun wichtigsten Schuhtypen. Bemerkenswert ist hier die Berücksichtigung praktischer Erfahrungen aus der experimentellen Archäologie, wobei teilweise die Grenze zwischen erlebter Rekonstruktion und Originalbefund verschwimmt (S. 369: "the felt lining is well suited for slipping onto damp feet"). W. Groenman-van Waateringe bietet auf 20 Seiten eine arg knapp gehaltene Schilderung der vorrömischen Fußbekleidung in Europa. Hier findet sich zwar ein vollständiger Katalog nur der niederländischen Funde, wegen deren geringer Zahl dehnt sie aber die Erörterung auf den mitteleuropäischen Raum aus. Sie spannt den Bogen von "Ötzis" Schuhwerk bis zur eigenartigen Fußbekleidung der frühmittelalterlichen Iren, leider nur unter sparsamem Einsatz von Abbildungen zu den stets fußlappenartigen Modellen. Abschließend würdigt sie prähistorisches Schuhwerk als wichtige Quelle zur Kultur und Gesundheit des Menschen im vorrömischen Europa. Fazit: "Stepping Through Time" mag nicht das erhoffte wohlstrukturierte Handbuch zu historischem Schuhwerk in Europa sein, es bietet aber eine hervorragende Übersicht zu vorwiegend in den Niederlanden geborgenen Schuhfunden. Wer sich mit Schuhen als archäologischer Quelle oder auch als Sammlerobjekt alter Handwerkskunst beschäftigt, kommt an diesem Buch nicht vorbei, das in seinen Texten, vor allem aber in seinen Bildern überzeugt. |
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Dokument erstellt am 2.11.2002