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Hamme,
Burg und Hansestadt Rezensiert von |
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Heller,
freundlicher, übersichtlicher und dennoch eine Fülle verschenkter
Chancen, so lässt sich die Neugestaltung der Mittelalterabteilung des
Museums für Hamburgische Geschichte zusammenfassen. Tatsächlich ist die Mittelalterabteilung nicht wiederzuerkennen: dort, wo früher dunkle, braune Vitrinen und einzelne Texttafeln den Raum prägten, überzeugt jetzt eine klare helle Raumgestaltung, farblich abgesetzte Wände heben einzelne Objekte hervor. Der Raum, zuvor eine Fülle von Vitrinen bergend, wirkt strukturierter. Er gliedert sich jetzt in vier zum Teil durch Zwischenwände getrennte Ausstellungsbereiche, die vier Etappen der Hamburgischen Geschichte beleuchten. Im Zentrum, dem Eingang gegenüber und zentraler Blickfang, der Nachbau des Laderaumes einer Kogge, typisch für den Hamburger Seehandel des 13. und 14.Jahrhunderts. Schwer, als massiver Holzbau öffnet sich der Bauch dieses "Lastesels" der Hanse vor dem Besucher. Fässer, zur Begeisterung vor allem der Kinder mit "echten" Waren gefüllt, türmen sich auf und laden zu Entdeckungen ein. Bänke in den Seiten der Kogge geben Raum zum ausruhen, betrachten, erzählen - gleichzeitig gewähren Luken in den "Aussenwänden" der Kogge einen Blick auf die Stadt Hamburg im 14.Jahrhundert. Auf der anderen Seite sozusagen die Schattenseite der Hanse: gepfählte Piratenköpfe, Waffen Brustharnische. Bei aller Kraft der Inszenierung zeigt sich hier schon ein grundsätzliches Manko der Ausstellung: die Beziehung zwischen Objekt und Text, ihre historische Einordnung und Erläuterung. So beinhaltet das ausliegende Erläuterungsheft (statt Beschriftungen finden sich in der Kogge Erläuterungshefte) zum "Waffenfenster" zwar technische Details und waffengeschichtliche Hinweise, aber keine Texte zur Funktion der Bewaffneten für die Stadt. Die Bedrohungssituation einer reichen Handelsstadt, die Hintergründe der Piraterie oder Kosten und soziale Folgen der Bewaffnung: solche Themen spielen keine Rolle. Spricht die zentrale Installation der "Kogge" noch weitgehend für sich, wird die Diskrepanz zwischen den Objekten und dem für den Besucher zugänglichen Informationsgehalt in den anderen Bereichen immer grösser. Informationen, historische Hintergründe, Bezüge werden zunehmend allein durch Texttafeln geliefert. Diese sind leider sehr schlecht lesbar, nicht nur, dass die Schriften insgesamt sehr klein gewählt wurden, es fehlen gliedernde Elemente, und hervorgehobene Zentralbegriffe. Die Bezüge zu den konkreten Objekten werden häufig erst am Ende langer Textpassagen hergestellt. Die gesamte Textgestaltung bleibt weit hinter der Ausstellungsgestaltung und dem oben formulierten Anspruch zurück. Auch die Sprache erleichtert nicht gerade den Zugang, Formulierungen, wie "differenzierte, dezentrale Sakraltopographie" sind leider keine Seltenheit. Die Kritik an der Textgestaltung wäre zu vernachlässigen, wenn nicht die inhaltliche Vermittlung in der Ausstellung in erster Linie darauf beruhen würde. Doch zurück zum Aufbau der Abteilungen: Um die Kogge ergibt sich ein chronolgischer Rundgang durch die Hamburger Geschichte in drei Etappen:
Leider findet sich in der Ausstellung kein Hinweis auf die Abfolge der Räume, so dass sinnvolle Ordnungselemente beim Betrachten verloren gehen oder Informationstafeln von den Objekten getrennt werden, da von den Ausstellungsmachern eine andere Besuchsrichtung konzipiert war. Das erste Kapitel bestimmen zwei Modelle der ersten Siedlungen, der "Hammaburg", die Hamburg den Namen gab und deren Nachfolgebauten im 11. und 12. Jahrhundert. Diese geben einen guten Einstieg, wenn auch, wie generell in der Ausstellung, eine bessere Lesbarkeit und eine grössere Legende im Hintergrund der Modelle wünschenswert wäre. Ergänzt werden sie durch archäologische Funde, die in Wandvitrinen thematisch geordnet präsentiert werden, so zu Handel und Handwerk im frühen Mittelalter, aber auch zu Schmuck und Körperpflege, Spiel und Hausarbeit. (Auf die Gestaltung der Wandvitrinen soll im 3.Teil der Ausstellung ausführlicher eingegangen werden.) Den Mittelteil der Ausstellung bildet "das kirchliche Hamburg", neben der Kogge eine besonders aufwendige Inszenierung. In neuem Rahmen werden hier die Überreste aus dem im 19.Jahrhundert abgerissenen Hamburger Dom präsentiert. Zu nennen sind eine Madonna aus Münsteraner Schule (15.Jahrhundert) und die Fragmente der "Törichten Jungfrauen" aus dem Figurenzyklus des Domlettners. Einige Figuren werden nach aufwendiger Restauration nun zum ersten mal präsentiert. Die dunkelblaue Hintergrundgestaltung unterstützt die Wirkung der hellen Sandsteinarbeiten , gleichzeitig lassen sich die Reste der ursprünglichen Bemalung erkennen und geben den Figuren einen besonderen Charme. Atmosphärisch mit Sicherheit der schönste Teil der Ausstellung. Aber auch hier gelingt die Kommunikation zwischen Text und Objekt nicht. Die Texttafeln bleiben kaum lesbar, die Objekte werden zu schön präsentierten, kostbaren Einzelstücken. Ein Bild des religiösen Lebens in der Stadt Hamburg entsteht nicht. Auch das Modell des Hamburger Doms, das nicht nur Baugeschichte vermitteln könnte, sondern durch seine Einbettung in die ihn umgebende Stadt auch Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen geben könnte, geht in der Vielzahl der Modelle unter. Der Bezug zu den ihn umgebenden Originalen wird nur nach mühsamer Lektüre deutlich. Im dritten Teil der Ausstellung "Hamburg als Hansestadt" bestimmen erneut Modelle den Raum: Getreide - und Gewerbemühlen, Brauereien und Wasserkünste aufwendig gestaltet nebst Wasserstrassen, Lastkähnen und Fuhrwerken. Die Beschriftung ist hier direkt auf den Vitrinen angebracht. Bei den längeren Passagen ist dies kaum noch lesbar, so dass die Hintergrundinformationen, so zur Bedeutung des Brauereigewerbes von den wenigsten Besuchern wahrgenommen werden. An den Wänden finden sich auch hier Vitrinen zu sozialgeschichtlichen Themen:
Auf die Gestaltung dieser Vitrinen sei hier ausführlicher eingegangen als ein weiteres Beispiel für das Grundproblem dieser Ausstellung, der mangelnden Verzahnung von Objektpräsentation und Textinformation. Jede dieser Vitrinen/Wandtafeln folgt einer Dreigliederung: oben Text, darunter Bildreproduktionen und in der Vitrine liegend die Objekte. Die Zuordnung von Text und Objekt erfolgt über die klassischen Nummernsysteme musealer Ausstellungssysteme. Für den Besucher ein mühsamer Weg, der gleichzeitig die Objekte isoliert. Wirft der Betrachter nur einen schnellen Blick in die Vitrine bleiben sie "tote Gegenstände", obwohl auch mit dem vorhandenen Material eine "spannendere" und informativere Darstellung möglich wäre. So erklärt ein Bild der Schlittschuhläufer neben dem ausgestellten "Schlittenknochen" schnell und mehr, als die Suche nach Nummer und Text. Nicht zuletzt könnten "mutigere" Texte der Ausstellung nicht Schaden. Die Besucher der Ausstellung wollen mehr erfahren, über das Leben der Menschen vor mehr als fünfhundert Jahren. Doch diese verschwinden in den Texten der Ausstellung hinter technischen Details oder Fachbegriffen. Selbst ein so spektakulärer und ausstellungsfreundlicher Fund, wie die Abfallgrube einer Schuhmacherwerkstatt (gefunden bereits 1926 bei St.Petri) voller mittelalterlicher Schuh(reste) geht so in der Präsentation unter und verliert ihre Aussage- und Anziehungskraft. Sicher war es für ein Haus, wie das Museum für Hamburgische Geschichte ein mutiger Schritt diese ganze Abteilung neu zu gestalten, inszenierte Räume statt Vitrinen zu schaffen. Leider fehlte der Mut bei der inhaltlichen Umsetzung. Statt eine Beziehung zwischen den Objekten zu schaffen, eine Kommunikation zwischen den Objekten zuzulassen, wurde zur Inhaltsvermittlung traditionell auf die Vermittlung durch Texttafeln gesetzt. Schlechte textliche Gestaltung und mangelnde Lesbarkeit wirken sich fatal aus, den Besuchern fehlen die Hintergrundinformationen, um die Objekte sprechen zu lassen. Die Objekte selbst sind schnell betrachtet, die meisten Besucher durchqueren in raschem Rundgang den Raum, die Objekte bleiben fremd, die Bezugspunkte sind noch zu gering um sich auf diese Zeitreise einzulassen. Trotz einer guten Objektauswahl gelingt es so nicht die Objekte ihre Geschichten erzählen zu lassen: Geschichten vom Leben in einer Stadt im Mittelalter, vom Alltag der Menschen, vom Schuhmacher und seinen Kunden, den Märkten und der Schuhmode und nicht zuletzt von den Strassenverhältnissen, mit den sie zu kämpfen hatten. Oder von den Spielen der Kinder, von den Häusern und Wohnungen. Es bleibt unverständlich warum z. Bsp. die einmaligen Illustrationen des Stadtrechts von 1497, die zahlreiche Bilder zum Alltag der Stadt, zu Kleidung, Wohnungen, Handel und Hafen liefern, nicht stärker einbezogen wurden. Statt dessen finden sich schematische Schautafeln zur Ratsverfassung, die sehr an die Geschichtsbücher der 80er erinnern. Bei dem Bemühen trotz Erlebniselementen den wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden, führt ein zuviel an schlecht gestalteten Texten zum Gegenteil: zu wenig Information erreicht den Besucher. Das Verständnis dieser Objekte erfordert aber Information, erst durch sie kann das Interesse geweckt werden, können Fragen formuliert werden. Die historischen Zusammenhänge der Objekte werden hier nur durch Führungen deutlich. Dabei erfährt das Mittelalter in Hamburg zur Zeit ein grosses Interesse, nicht zuletzt angeregt durch die grosse Ausstellung "Goldgrund und Himmelslicht" in der Hamburger Kunsthalle (19.11.99-5.3.00). Auch die neu gestaltete Abteilung des Museums für Hamburgische Geschichte erfreut sich grossen Besucherinteresses. In einer Stadt, in der die Spuren des Mittelalters aus dem alltäglichen Stadtbild fast gänzlich verschwunden sind, müssen allerdings klarere Brücken für den Besucher in die Vergangenheit gebaut werden als es hier geschehen ist. Ein guter Anfang mit schön ausgewählten Objekten, jetzt gilt es ihnen den Rahmen zu geben, damit sie auch sprechen können und das "Eintauchen in Geschichte" wirklich möglich wird. |
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Dokument erstellt am 26.10.2000