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Luxemburg - Paris
- Luxemburg 1871. Migration zur Zeit der Pariser Kommune.
Rezensiert von |
| Zwei Waschbecken
vor einer steril weiss gekachelten Wand: aus dem linken Wasserhahn
fliesst eine rote, aus dem rechten eine weisse Flüssigkeit.
Darüber werden in kurzer Abfolge Bilder und Filmausschnitte von Hinrichtungen,
Erschiessungen, Tierschlachtungen und Szenen aus den Nürnberger
Prozessen projiziert.
"Blut und Milch werden fliessen", heisst es in Arthur Rimbauds Gedicht "Nach der Sintflut" (Après le Déluge) über die Pariser Kommune. [1] Als künstlerisches Leitmotiv durchzieht es die Ausstellung über die luxemburgischen Einwanderer in Paris und deren Beteiligung an der Kommune 1871, der ersten von Arbeitern durchgeführten Revolution. Die künstlerische Herangehensweise an das Thema sowie die besondere didaktische Aufbereitung des Ausstellungsmaterials machen deutlich, dass diese Ausstellung mehr will, als nur eine trockene Lektion in Geschichte erteilen: Sie will anregen, über die Aktualität und Authentizität der Ereignisse sowie über Subjektivität von Geschichte und "historische Wahrheit" nachzudenken. Und das gelingt ihr bestens.
Für viele Auswanderer übte Frankreich und insbesondere Paris damals eine grosse Anziehungskraft aus. Die wirtschaftliche Misere erklärt jedoch den Einwanderungsstrom nach Paris nur teilweise. Denn die französische Hauptstadt bot aufgrund ihrer fortgeschrittenen Industrialisierung nicht nur Arbeitsplätze und oftmals auch höhere Löhne, sondern sie stand auch für Modernität und Luxus, für Geschmack, Fortschritt und Kultur, kurz: sie galt als die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Viele Auswanderer wollten nur eine begrenzte Zeit in Frankreich verbringen, sich dort bestimmte Verfahrenstechniken aneignen oder einfach nur Geld verdienen, um dann anschliessend wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Andere wiederum wollten Französisch lernen oder einfach nur die Welt kennen lernen. Viele jungen Frauen, die sich nicht mit einem "einheimischen Bauern" verheiraten wollten, waren in Paris auf der Suche nach einem Ehemann. Für die Rückkehrer stellte der Aufenthalt in Paris also eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg da. Auch zahlreiche Luxemburger zog es an die Seine. Zwischen 15.000 und 20.000 Luxemburger soll es um 1870 in Paris gegeben haben. Das ist mehr, als die Hauptstadt des Grossfürstentums damals an Einwohner hatte. Im ersten Raum der Ausstellung wird ein Rückblick auf das damalige Luxemburg und seine Auswanderer gegeben: Gegenstände und Fotos zu Landwirtschaft und Handarbeit sowie Objekte der Auswanderer wie Koffer, Körbe und Schuhe werden gezeigt. Gleich im zweiten Raum ist man dann im hektischen Paris: Bilder und Filme zeigen das Leben der Arbeiter in der modernen Grossstadt. Die Räume sind gedämpft beleuchtet. Nur wenige Gegenstände und Fotos sind ausgestellt, wobei genau zwischen Original und Kopie unterschieden wird. Die Fotos sind als Zeichen ihrer Reproduzier- und damit Manipulierbarkeit nicht eingerahmt. Zitate aus Zeitungen oder von Zeitgenossen stehen auf dem gleichen weissen Fotopapier. Erklärungen der Ausstellungsmacher stehen dagegen auf schwarzem Grund. Nur Original-Fotos oder Zeitungsausschnitte sind gerahmt bzw. hinter Glas. Auf lange Texte wurde verzichtet. Dafür steht in jedem Raum eine Fernsehsäule. In Endlosschleifen werden etwa dreiminütige Statements von Historikern gezeigt. Ihre Abfolge in den einzelnen Räumen ermöglicht dem Besucher eine persönliche Führung durch die Ausstellung. Der Kontrast zu den knappen "anonymen" Erklärungen unterstreicht die Subjektivität des Gesagten und macht deutlich, dass es nicht nur eine, sondern eine ganze Vielzahl von Erklärungen für das Geschehene gibt.
Die ungelernten Arbeiter verdienten sich als Tagelöhner und Strassenarbeiter auf den grossen Baustellen im Paris der Haussmannschen Stadtreform ihren Lebensunterhalt. Zahlreich waren auch die Luxemburger, die in den vornehmen bürgerlichen und adeligen Häusern arbeiteten, die Männer als Kutscher und Bedienstete, die Frauen - "bonne à tout faire" - als Dienstmädchen, Köchinnen oder Erzieherinnen. Die meisten Luxemburger stellten keinen Antrag auf Einbürgerung, ein Zeichen dafür, dass sie irgendwann in ihre Heimat zurückkehren wollten. Ausführliche Einblicke in das Leben der luxemburgischen Kolonie in Paris findet man in den Memoiren von François Martin. Der luxemburgische Typograph hat Erlebnisse während seiner Wanderungen von 1867 bis 1919 durch Frankreich, Deutschland, Nordafrika, Amerika und Kuba handschriftlich auf deutsch niedergelegt. Seine Erinnerungen umfassen etwa 2000 Seiten und sind eine wahre Fundgrube für Historiker. Martin war kein Literat, sondern ein Arbeiter, der schrieb und sich politisch engagierte. Er notierte Namen, Daten, Fakten und Ereignisse, und das mit grosser Genauigkeit. François Martin schrieb auch über die Luxemburger in der Pariser Kommune und macht seine Erinnerungen damit zur vermutlich einzigen Quelle eines Zeitzeugen dieser Art. In der Ausstellung sind zwei Bände seiner Memoiren zu sehen. Ausführlich vorgestellt werden sie im wissenschaftlichen Begleitband. Luxemburger in der
Pariser Kommune Im März 1871 schliesslich übernahm die aufgebrachte Menge in Paris die Macht. Arbeiter und Teile der Nationalgarde gründeten ein Zentralkomittee. In der Ausstellung sind gedruckte Aufrufe der Kommune zu sehen, die den Kampf für eine direkte Demokratie, für die Trennung von Kirche und Staat, für laizistische, kostenlose Schulen und für die Gleichberechtigung der Frau zeigen. Jeden Tag um 12.00 Uhr beginnt im Museum die Vorführung des fünfstündigen Films von Peter Watkins, La Commune (Paris 1871), der 1999 gedreht wurde und 2000 bereits im Musée d'Orsay in der Ausstellung "La Commune photographiée" zu sehen war. Während der Belagerung von Paris durch die preussischen Truppen heuerten viele Luxemburger in der Garde Nationale für den damals hohen Tagessold von 30 Sous an. Um der Arbeitslosigkeit und dem Hunger zu entgehen, führten die meisten der Luxemburger ihr Engagement in der Nationalgarde auch während der Kommune fort. Deshalb - und weniger aus politischen Gründen -, so heisst es im Begleitbuch zur Ausstellung, fanden sich auch viele luxemburgische Kommunarden auf den Barrikaden, die gegen die Versailler Truppen errichtet worden waren. Keiner von ihnen spielte jedoch eine führende militärische oder politische Rolle. In der Ausstellung wird die emotionale Seite und das persönliche Erleben des Einzelnen hervorgehoben. Eine Uniform der Föderierten, deren Echtheit nicht zweifelsfrei feststeht, ist zu sehen. Daneben sind andere Souvenirs und Erinnerungsstücke ausgestellt: Gewehrkugeln, verbranntes Papier, Postkarten und Reliquien. Mit Knochen, einem Rattengerippe und vertrocknetem Brot und Keksen wird vor allem der Hunger thematisiert, der die Kommunarden quälte. Fotos des zerstörten Paris und kleinere Zeitungsausschnitte versetzen den Besucher in die damalige Stimmung. Liest man jedoch einen kurzen Ausschnitt, der in der konservativen Tageszeitung Le Figaro erschienen ist, so lässt einen die Wortwahl unwillkürlich an George Bush denken: "Armée du bien, contre armée du mal (...) ordre contre anarchie (...). Une croisade de la civilisation contre la barbarie." Und auch "Mauerspechte", wie man sie aus Berlin kennt, hat es wohl schon damals gegeben: ein Stück herausgebrochener Marmor aus den Säulen der Tuilerien mit Echtheitsstempel ist in den Vitrinen zu finden.
Wenn man heute die Kommune in erster Linie mit Barrikaden assoziiert, so liegt das an diesen beeindruckenden Bildern, auf denen Männer, Frauen und Kinder vor oder auf den Barrikaden stehen. Für eine kurzen Moment schauen sie still in die Kamera, unterbrechen die Arbeiten an den Barrikaden, die kurze Zeit darauf Schauplätze der Kämpfe sein werden. Die Fotografen interessierten sich für die Massen, nicht für den Einzelnen. Die Masse repräsentierte das Kollektiv, die Unbekannten der Revolution. Die meisten Aufnahmen zeigen die Barrikaden frontal von vorn, wie sie über die ganze Strassenbreite gezogen sind. Eine Ausnahme stellt die Serie "Paris sous la Commune" des Fotografen Bruno Braquehais dar. Auch seine Bilder zeigen Strassenzüge mit Barrikaden und die Ruinen von Paris. Doch steht Braquehais - im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen - hinter den Barrikaden, direkt in den Kulissen der Kommune. Seine Fotos sind überwiegend Nahaufnahmen, die nicht mehr von einem frontalen Blickwinkel ausgehen. Die Fotografie wird zur Dokumentation, z.B. dort, wo sie zeigt, wie die Kommunarden die Statue Napoleons am Plâce Vendôme stürzen.
Seine Bilder, die Nahaufnahmen von sitzenden Gefangenen zeigen, freuten sich anschliessend sowohl bei Gegnern als auch bei Anhängern der Kommune grosser Beliebtheit. Die Fotografierten zeigen keinerlei Gefühlsregung, so dass man die "neutralen" Fotos beliebig interpretieren konnte. Als Postkarten und Souvenirs brachten die Abzüge Appert kommerziellen Erfolg. Gleichzeitig dienten sie, wenn auch ungewollt, der Sache der Kommune, hielten sie doch die Erinnerung an die Ereignisse und an die Kameraden, die auf ihre Verurteilung warteten, wach. Eugène Appert wurde noch mit anderen Fotos bekannt. Unter dem Titel "Crimes de la Commune de Paris" veröffentlichte er eine Serie mit elf manipulierten Fotos. Sie reduzieren die kurze Geschichte der Kommune auf die blutigen Ereignisse. Er dramatisierte das Geschehene, stellte Szenen nach, wobei er die Anzahl der Akteure vervielfältigte und die Gesichter seiner Haftfotos für die Collagen benutzte. Auch erstellte er Fotomontagen von Erschiessungen durch die Kommunarden, die nie stattgefunden haben. Zwei seiner bekanntesten Bilder sind in der Ausstellung zu sehen: die angebliche Erschiessung von 62 Geiseln durch die Kommunarden sowie eine Aufnahme, die den Innenhof des Frauengefängnisses von Versailles zeigt, in dem die aufständischen Frauen, als Pétroleuses verunglimpft, nach ihrer Verhaftung einsassen. Den nachgestellten Fotos Apperts von toten Kindern und toten Kommunarden in den Strassen von Paris sind in der Ausstellung "echte" Aufnahmen gegenübergestellt. "Le procès"
und "Exil et bagne" In der Ausstellung geht man durch einen schmalen Durchgangsraum, in dem schwarze Trennwände schräg zueinander gestellt sind. Auf die erste Wand werden nacheinander per Dia die Namen der Verurteilten Luxemburger projiziert, auf die zweite Wand die Anklagen, auf die dritte die Verteidigung und auf die vierte die Urteile. Dabei gehören die vier gleichzeitig gezeigten Dias (mit Namen, Anklage, Verteidigung und Urteil) nicht unbedingt zusammen. Die Angaben sollen nur exemplarisch sein.
Luxemburgische Zeitungsberichte weisen auf die Kritik hin, die den Kommunarden in ihrer Heimat entgegenschlug. Man war der Meinung, dass die Aufständischen eigentlich ihr Recht, Luxemburger zu sein, verwirkt hätten. Dass die Heimkehrer genau beobachtet wurden, zeigen die ausgestellten Polizeiberichte: "Unverheiratet, scheint ruhigen Charakter zu haben", ist über einen der Ex-Kommunarden zu lesen. Rasterfahndung in Luxemburg im späten 19. Jahrhundert.
[1] Arthur Rimbaud: Après le Deluge Aussitôt après
que l'idée du Déluge se fut rassise, [2] Frank Wilhelm (Hg.), Luxembourg, Paris, Luxembourg 1871. Migrations au temps de la Commune. Victor Hugo sympathisant des communards, lors de son séjour luxembourgeois en 1871? Texte, documents et bibliographie. Publications scientifiques du Musée d'Histoire de la Ville de Paris, tome IX, Luxembourg 2001. [3] Henri Wehenkel (Hg.), Luxembourg, Paris, Luxembourg 1871. Migrations au temps de la Commune. Études d'histoire économique et sociale accompagnant l'exposition, Publications scientifiques du Musée d'Histoire de la Ville de Paris, tome VIII, Luxembourg 2001. ISBN 2-919878-32-8 |
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Dokument erstellt am 2.4.2002