"Geschichtsort"
Villa ten Hompel - Forschung und Bildung in "authentischer Umgebung"
Die Villa ten Hompel in Münster präsentiert sich als "Geschichtsort".
Unter den Leitmotiven "Erinnern - Forschen - Lernen" wird
dort die Geschichte der Polizei und Verwaltung im 20. Jahrhundert
dokumentiert und ausgestellt. Im Keller der Villa werden umfangreiche
Archivbestände zum Polizei- und Verwaltungshandeln bewahrt. Die
Villa ten Hompel versteht sich als "Erinnerungs-, Forschungs-
und Bildungsstätte". Ihr Angebot richtet sich "sowohl
an Forschende als auch an Auszubildende aus Verwaltungen und Polizei,
an Schulklassen und historisch Interessierte" und will "Menschen
von heute die Chance [bieten], sich in authentischer Umgebung mit
Tätern, Mittätern und Mitläufern von damals auseinanderzusetzen."
Dies geschieht vorwiegend über Seminare und Veranstaltungen sowie
die Dauerausstellung "Im Auftrag. Polizei, Verwaltung und Verantwortung",
die in den ehemaligen Wohnräumen der Industriellenfamilie ten
Hompel präsentiert wird. Ein Ziel der Ausstellung soll sein,
die Besucherinnen und Besucher in die schwierige und weit gehend unbekannte
Thematik einzuführen, ihnen erste Zugänge zum "Tatort
Schreibtisch" zu ermöglichen.
Geschichte der Villa ten Hompel
Benannt ist die Villa nach ihrem Erbauer, dem Großindustriellen
Rudolf ten Hompel, der mit seiner Familie von 1928 bis zu seinem finanziellen
Ruin in dem repräsentativen Gebäude wohnte. 1939 ging die
Villa unter unbekannten Umständen in Reichsbesitz über und
wurde dann ein Jahr später zum Sitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei
des Wehrkreises VI, einem Gebiet, das das heutige Nordrhein-Westfalen
und den Raum Osnabrück umfasste und somit den größten
Wehrkreis des Deutschen Reiches darstellte. Vom Schreibtisch des Befehlshabers
aus wurden Polizeibataillone zusammengestellt, deren Einsätze
organisiert und koordiniert. Die Polizeieinheiten waren z.B. zuständig
für den zivilen Luftschutz, die Bewachung von Fremd- und Zwangsarbeitern;
sie stellten aber auch das Wachpersonal in den Arbeitserziehungslagern
oder begleiteten Deportationszüge in die Vernichtungslager. In
den besetzten Gebieten waren die Polizeibataillone an der Vertreibung
und Erschießung der europäischen Juden beteiligt. Nach
dem Krieg hatte die Land- und Wasserschutzpolizei ihren Sitz in der
Villa ten Hompel. Von 1953 bis 1968 war schließlich das Dezernat
für Wiedergutmachung des Regierungspräsidiums Münster
hier angesiedelt.
Die Internet-Präsentation des "Geschichtortes"
bietet mit ihren klar und logisch aufgebauten Informationen einen
guten Überblick über die Geschichte der Villa und ihrer
Nutzer. Gerade für Schulklassen bietet sie eine gute Möglichkeit
zur Vorbereitung auf den Besuch. Erfreulich ist, dass sich weder Texte
noch Abbildungen in der Ausstellung wiederholen.
Im Auftrag - Polizei, Verwaltung und Verantwortung
Die multimediale Ausstellung zeichnet die Geschichte der sogenannten
"grünen Polizei" - also der uniformierten Polizei -
zwischen 1924 und 1968 nach. Der Schwerpunkt der Präsentation
liegt auf den Jahren des NS-Regimes, als die Villa Sitz des Befehlshabers
der Ordnungspolizei war. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf
den Schriftverkehr, der in diesen Jahr das Haus verließ und
mit "im Auftrag" unterzeichnet war. Die Frage nach der Verantwortung
derjenigen, die "im Auftrag" unterschrieben, wird während
der gesamten Ausstellung gestellt. Sie wird zwar nirgendwo explizit
formuliert, steht aber immer im Raum. Durch diese Strategie wird verhindert,
dass sich die Besucher emotional auf die Seite der Ankläger stellen
und die Frage nach der Schuld der Beamten pauschal und plakativ beantworten.
Die Ausstellungsmacher haben erreicht, dass sich jeder Besucher in
der Ausstellung die Frage nach der eigenen Verantwort stellt. Wie
hätte man selbst an Stelle der Beamten gehandelt? Vor dem historischen
Hintergrund zeichnet die Ausstellung ein Bild von der Rekrutierung
und Ausbildung der Beamten. Um die Präsentation nicht auf eine
abstrakten Nacherzählung der Fakten zu beschränken, werden
einzelne Biografien von Polizisten vorgestellt. Wie konnte innerhalb
von 20 Jahren aus dem verfassungstreuen "Freund und Helfer"
ein Angehöriger eines Polizeibataillons werden, der an Deportationen,
Vertreibungen und Erschießungen beteiligt war. Diese Frage zieht
sich wie ein Leitmotiv durch die Präsentation.
Präsentation und Gestaltung - mobile Medienterminals
Die Ausstellungsmacher standen bei der Konzeption der Schau zwei großen
Problemen gegenüber: Wie kann ein so komplexer Sachverhalt, möglichst
einfach und klar dargestellt werden, ohne den Besucher zu überfordern?
Wie mit der Fülle des vorhanden Materials umgehen? Das zweite
Problem bestand in den denkmalpflegerischen Vorgaben, die große
bauliche Eingriffe in die Villa verbaten. Die gefundene Lösung
ist ebenso elegant wie effektiv: In jedem Raum wurden mobile Terminals
installiert, die zusätzliche Informationsquellen bereithalten.
Die schlanken, pulthohen Säulen sind mit Laptops und Kopfhörern
ausgestattet. Über eine Maus können verschiedene Optionen
der Informationsvermittlung angewählt werden. Raum für Raum
kann angeklickt werden, Einzelziffer verweisen auf die Themen der
Ausstellung. Die Terminals sind keine Fremdkörper in der Ausstellung.
Dies liegt zum einen an ihrer eleganten und zurückgenommenen
Gestaltung, zum anderen wird durch die angebotenen Materialen oft
ein direkter Bezug zu den präsentierten Objekten hergestellt.
Ein Beispiel: An einer Ausstellungswand ist die Fotografie eines französischen
Widerstandkämpfers aus Marseille zu sehen, der Terminal bietet
ein Interview mit dem Mann, in dem er die auf dem Foto festgehaltene
Situation nacherzählt. Neben Interviews mit Zeitzeugen können
auch historische Film- und Fotoaufnahmen abgerufen werden sowie Radiosequenzen
oder Dokumente. Leider sind manche Dokumente so klein reproduziert,
das sie nur noch eingeschränkt lesbar sind. Zusätzlich können
die Terminals als Audioguide genutzt werden, über den ausführliche
Informationen zu den Hauptthemen des Raumes angeboten werden. Durch
dieses heterogene und multimediale Angebot konnten die Ausstellungsmacher
auf lange und langatmige Texttafeln verzichten. Dadurch, dass die
Informationen aktiv von den Besuchern abgerufen werden, haben die
Terminal interaktive Qualitäten. Die Navigation ist verhältnismäßig
einfach, es bleibt nur die Frage, ob technisch nicht sehr routinierte
oder "computerscheue" Besucher (z.B. ältere oder behinderte
Menschen), ebenfalls Nutzen aus den Terminals ziehen können.
Die Fülle und Unterschiedlichkeit der angebotenen
Informationen macht die papierene Welt der Verwaltung lebendig und
anschaulich. Die Gefahr der "Topolatrie" , wurde umgangen.
Die Ausstellung wirkt nicht nur durch die Beschwörung der "Authentizität"
des Ortes. So wurde beispielsweise bei der Gestaltung der Ausstellung
bewusst auf "authentische" aber letztlich nichtssagende
Objekte wie Original-Schreibtische oder Aktenordner verzichtet zugunsten
von Ausstellungselementen, die als "neutrale" Informationsträger
fungieren. Auf stilisierten Schreibtischen mit typischen Aktenordner-Oberflächen
werden Reproduktionen von Dokumenten und Akten aus dem Verwaltungsalltag
präsentiert, hinter denen die Geschichten sowohl der Täter
als auch der Opfer deutlich werden.
Für die sehr gelungene Gestaltung der Ausstellung
waren Studenten der Fachhochschule Münster verantwortlich (Abteilung
Design, Leitung Norbert Nowotsch). Es wurde eine elegante, zurückgenommene
Präsentation gewählt, die mit dem großbürgerlichen
Charme der Villa korrespondiert. Die Räume sind insgesamt spärlich
"möbliert", was der Ausstellung eine transparente Anmutung
verleiht. Der Besucher wird nicht visuell überfrachtet, keine
Unlust angesichts der zu bewältigenden Informationsmengen macht
sich breit. So wird eine Spannung erzeugt zwischen der großbürgerlichen
Behaglichkeit, die die Räume ausstrahlen, und dem Bewusstsein
um die brutalen und unmenschlichen Entscheidungen, die hier getroffen
wurden. Diese Spannung macht neugierig auf die Geschichte des Hauses
und seiner über die Jahrzehnte wechselnden Benutzer.
Der Ausstellungsgang
Die Geschichte der Polizei zu Anfang des 20. Jahrhunderts wird in
der sich auf fünf Räume und 170 qm erstreckenden Ausstellung
facettenreich und prägnant dargestellt. Die fünf Räume
entsprechen fünf Kapiteln der Geschichte:
Raum 1 erklärt die Nachrichtenübertragung
- Kommunikation als einer der Grundlagen für das Funktionieren
von Verwaltungsstrukturen. Hier finden viele interaktive Elemente
ihren Einsatz: An einem Fernsprecher kann der Besucher Originalmeldungen
abhören. Ein stilisiertes Radio verdeutlicht, dass der Rundfunk
auch für Ermittlungszwecke genutzt wurde und zudem ein wichtiges
Propaganda-Medium darstellte.
Raum 2 befasst sich mit dem Leitbild der Polizei als
"Freund und Helfer", wie es in der Zeit der Weimarer Republik
im Kontrast zum preußischen Ordnungshüter geschaffen wurde
und auch nach dem 2. Weltkrieg fortbestand. Das Plakat als Medium
zur öffentlichen Diffusion steht hier buchstäblich im Mittelpunkt.
Da der Raum sehr klein ist, wirkt er durch diese Art der Präsentation
unübersichtlich und zerrissen. Es wird die Geschichte der deutschen
Polizei von der Weimarer Republik über die NS-Zeit bis hin zu
BRD und DDR anhand von Plakaten nacherzählt. Die Fülle an
Informationen und das Nebeneinander zahlreicher Plakate und Objekte
lässt hier eine klare thematische Struktur vermissen.
Raum 3 präsentiert die Geschichte der "grünen
Polizei im braunen Staat". Hier wird die Gleichschaltung der
Polizei und ihre Unterordnung zur SS thematisiert. Die Aufteilung
in Schutz- und Ordnungspolizei wird erläutert, Arbeitsutensilien
und Uniformteile stehen stellvertretend für die Funktionen und
Aufgaben der Polizei an Front und Heimatfront. Ein schematisches Organigramm
informiert über die verwaltungsrechtlichen Hierarchien.
Raum 4 widmet sich den "Auslandseinsätzen" der Polizei
in den besetzten Gebieten. "Kontrollieren, Umsiedeln, Säubern",
sind die Stichworte, mit denen die Aufgaben im NS-Jargon überschrieben
werden. Über einen Touchscreen-Monitor kann der Besucher Filme
über den Arbeitsalltag und Freizeitgestaltung an der Front auswählen.
In diesem Raum werden zwei exemplarische Täterbiografien vorgestellt,
die die Polizisten auch in ihrer bürgerlichen Normalität
als Ehemann und Vater zeigen. Die von Hannah Arendt beschworene "Banalität
des Bösen" wird hier offensichtlich.
Die Ausstellung berichtet auch von den Opfern der
Polizeieinsätze: Anhand weniger Biografien werden die Folgen
des "Funktionierens" des Apparates gezeigt. Allerdings steht
die Perspektive der Opfer nicht im Mittelpunkt der Präsentation.
Die Identifikation der Besucher mit den Opfern wird so verhindert
und die Auseinandersetzung mit der Verantwortung der Täter erzwungen.
Vor allem dieser Aspekt der Umsetzung ist sehr gelungen. Fast überflüssig
erscheint daher die sehr emotionalisierende Inszenierung in einem
kleinen Nebenraum: Durch einen Vorhang betritt man einen völlig
abgedunkelten Raum, an den Wänden ist nur ein leichtes, rhythmisierendes
Lichtflackern zu sehen, zu hören ist das Geräusch eines
fahrenden Güterzuges. Es soll das Gefühl suggeriert werden,
man befinde sich in einem fahrenden Viehwaggon, einem Deportationszug.
Diese Inszenierung wirkt mit ihren "Gruselschocker"-Qualitäten
etwas deplaziert in der ansonsten sehr unemotionalen Ausstellung.
Raum 5 zeigt die Nachkriegssituation der Villa als Sitz der Wiedergutmachungsbehörde.
Hier können sich die Besucher in einer angedeuteten Inszenierung
von Karteikästen und Ordnern die Schicksale einzelner Antragssteller
informieren. Wer erhielt Wiedergutmachung? Wer nicht? Und warum?
Der letzte Ausstellungsraum war ehemals die Empfangshalle
der Villa. Er wirkt immer noch wie ein Transitraum. Von hier aus gelangt
man in die oberen Stockwerke, die die Bibliothek, Medien- und Seminarräume
sowie die Verwaltung beherbergen. Die Wahl, diesen Durchgangsraum
ans Ende der Ausstellung zu halten, ist sehr gelungen. Es wird vermittelt,
dass Geschichte nichts abgeschlossenes ist, sondern sich bis heute
fortsetzt.
Im ersten Stock der Villa wurde in die Bibliothek ein Medienraum mit
sechst PCs integriert. Hier bietet sich für Gruppen die Möglichkeiten,
das Gesehene nachzuarbeiten. Über die Computer kann der Inhalt
der Medienterminals aus der Ausstellung abgerufen werden. Zusätzlich
bieten sie die Möglichkeit, gezielt nach bestimmten Medien oder
Inhalten zu suchen. Leider ist die Verschlagwortung relativ grobmaschig,
sie könnte noch verfeinert werden.
Fazit
Die Rezensentin hat den Ausstellungsbesuch als sehr gelungen empfunden.
Das komplexe und "sperrige" Thema - die Darstellung von
Verwaltungshandlungen und ihren Folgen - wurde sehr gut aufgearbeitet
und präsentiert. Der Zugang zum Thema wurde nicht zuletzt durch
die elegante Gestaltung interessant gemacht und erleichtert. Über
der Ausstellung sollte - so der Leiter der Villa ten Hompel, Dr. Alfons
Kenkmann - kein erhobener Zeigefinger schweben, jeder Besucher sollte
sich selbst sein Bild vom Funktionieren des Polizeiapparates machen
können, jeder sollte für sich selbst die Frage nach der
Verantwortung stellen. Die vielfältigen, multimedial und intelligent
aufbereiteten und innovativ eingesetzten Informationen machen dies
möglich. Künstlerische Ansätze in der Präsentation
sprechen die Sinne an und vermitteln Inhalte auf emotionale Art. So
zeigt z.B. ein Videoloop das Marschieren von Stiefeln, darauf projiziert
sind Euphemismen aus der Verwaltungssprache. "Umsiedeln"
und "Säubern" - dahinter verbirgt sich Vertreibung
und Vernichtung.
Ein Besuch der Ausstellung bringt nicht nur einen
Wissenszuwachs, sondern stellt auch eine sinnliche Erfahrung dar -
zwei wesentliche Merkmale einer guten Ausstellung!
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