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Wenders: Pictures from the Surface of the Earth City Gallery, Wellington Rezensiert von Norman
P. Franke M.A., University of Waikato, Hamilton / New Zealand |
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Die hochsommerliche
Weihnachtszeit in Wellington ist vornehmlich geprägt durch zwei
Dinge: durch die ostentativen Weihnachtsfeiern der Politiker, Diplomaten
und Administratoren auf den diversen Restaurantterrassen der Stadt
einerseits, und durch das Lord-of-the-Rings-Fieber andererseits, das
die Stadt in einem Meer aus Hobbit-Fahnen, Plakaten und Büsten
versinken läßt. Wären diese rot, könnte man sich
leicht an die einschlägigen Moskauer Spartakiaden zur Zeit des
späten Breschnews erinnert fühlen. In diesem Getümmel
hat es die sich schon im Titel der Ausstellung andeutende schlichte
Monumentalität des Wenderschen photographischen Werks nicht leicht,
obwohl die solide arrangierte und kommentierte Ausstellung an einem
normalen Arbeitstag in der Vorweihnachtszeit gut besucht schien. Große
Menschenmengen wie in Bilbao waren in der Wenders-Schau in Wellington
zwar nicht auszumachen, [1] wohl aber eine trotz des Weihnachts- und
Fantasy-Trubels Welche Teile der Erdoberfläche kommen dem Betrachter der Werke des aus Düsseldorf gebürtigen weltläufigen Filmemachers, Photographen, Dichters und Elektronikkünstlers nun hier zu Gesicht? Hauptsächlich die westlichen und südwestlichen Staaten der USA und Australiens, auch Kuba und Japan. Von der europäischen Erdoberfläche sieht man in nebelhaften Schemen das Pflaster des Berliner Alexanderplatzes und darauf eine verloren wirkende Schar russischer Soldaten sowie das vermüllte Westfalen-Stadium nach einem Konzert der "Toten Hosen", kurz bevor die Putzkolonne anrückt. Der melancholische Blick des Alteuropäers auf die Neue Welt hat Wenders in seinem filmischen und photographischen Werk verdientermaßen Bewunderer vor allem unter wirklichen und verhinderten männlichen Weltreisenden zwischen zwanzig und achtzig Jahren eingetragen; seine Bilder aus Paris, Texas oder Havanna haben in diesen Kreisen beinahe schon Ikonenstatus und sind so oft kopiert und zitiert worden, daß man sich in Anbetracht der neueren Wenderschen Originalabzüge fragt, ob man es hier bereits mit Eigenzitaten zu tun hat. [2] Für viele
antipodische Betrachter der Wenders-Bilder wäre allerdings gerade
der (Rück-) Blick des in Kalifornien lebenden Künstlers
auf seine Auch seine New
Yorker Bilder von Ground Zero zeigen diesen empathetischen Positivismus
stückweit; mit seinem Kamerastandort auf der Höhe der Trümmerhalde
scheint es fast, als sei der Photograph hier selbst Teil der Bergungsmannschaft,
wenn nicht der Steine und Stahlträger, der Akten und Anzugsfetzen,
der man sich in einer schier erdrückenden Detailtreue gegenübersieht.
Das ihm dies in einer fast perspektivlosen, nämlich allseits
tiefenscharfen Weise annähernd gelingt, mag auch daran liegen,
daß Wenders besonders große Negativformate (6x17) für
seine Aufnahmen mit der Panoramakamera verwendete. Zugleich gewinnen
diese Bilder noch an Eindringlichkeit dadurch, daß man sie gewissermaßen
mit den nicht gelieferten Aufnahmen der lebendigen Metropole New York
kontrastiert. Denn wer anders als Wenders könnte die Weltstadt,
die vielfarbigen und die schwermütigen Seiten des Big Apple in
geradezu exemplarischer Weise zeigen? Viel weniger unmittelbar,
aber in ihren Auswirkungen gleichfalls weitreichend ist die Bestürzung,
die sich einstellt, wenn man die Rahmung Wobei wir beim Wenderschen Pathos wären. Dazu eine kleine Nebengeschichte. Vor einiger Zeit besuchte ein deutschstämmiger Professor aus den USA verschiedene neuseeländische Universitäten, der für die Goethe-Gesellschaften Rezitationsabende deutscher Gedichte hielt. Er sprach kurz über seinen Lebenslauf: Ende des Krieges deutscher Jagdflieger, als die Jagdflieger längst bedeutungslos geworden waren, irgendwo auf den Spritfässern der Feldflugplätze hatte er angefangen, Gedichte auswendig zu lernen. Später konnte er in den USA studieren und dann auch lehren. Er habe so viel Verantwortung gehabt, mehr als man einem jungen Menschen jemals zumuten darf, sagte er und das war wohl in mindestens drei Richtungen zu verstehen: hinsichtlich der Zivilbevölkerung, die vor den Bomberstaffeln zu schützen war; hinsichtlich der anderen, auch gegnerischen Piloten; und hinsichtlich der Tatsache, daß jeder Abschuß das verbrecherische Nazi-Regime verlängerte. Auch die Möglichkeit, sich dem Kriegsgeschehen ganz zu verweigern, schwang in seiner Aussage mit und die Angst vor den Konsequenzen, die durch bewußte Entscheidung eingeschlagene und durch Sozialisation weitgehend verinnerlichte Kriegskarriere zu verlassen. Dieser Mann sprach mit Heinz-Rühmann-Stimme (den Wenders ja für seinen Film "In weiter Ferne so nah" gewann) Gedichte Eichendorffs, Mörikes, Heines und Ringelnatz', von denen manche ihn selbst und die älteren Damen und Herren der Goethe-Gesellschaft zu Tränen rührten. Soweit ich weiß, spricht er die Gedichte von Celan und Nelly Sachs nicht. Auch Wenders ist
ein Romantiker, der sich auf seine Art der deutschen Geschichte stellt
und auch nicht stellt. Der manchen seiner Photographien entfernt an
Gedichte erinnernde Kommentartexte beigibt - bei den Japan-Bildern
unter der Bezeichnung "Picture Haikus" -, die jedoch in
weiter Ferne Gedichten gerade so nahe kommen, daß sie sich scheinbar
nicht an Adornos Reflektionen über das Gedichteschreiben nach
Auschwitz messen lassen müssen. Außerdem sind sie in Englisch.
[3] Und dennoch: Auch in Wenders wiederholt zur Schau gestellten Romantik
spricht sich nicht nur von ariden Landschaften beredt verschiegenes
cowboygestiefeltes Selbstmitleid aus, sondern zugleich die Erkenntnis
einer Kunst, die sich selbst immer wieder als Posthistoire begreift.
Wenders Aufnahmen der Gräberfelder in den Weiten Australiens
und Amerikas, die vergessenen Geschichten der Pioniere, der gescheiterten
und halb-gescheiterten Helden, sind dabei nicht nur An dieser Stelle
können wir uns in die Nachbarräume der Wenders-Ausstellung
begeben, in der die Auferstehungs-Bilder Stanley Spencers gezeigt
werden. [5] Vor den Bildern dieses anderen naïven und zugleich
hochkomplizierten Romantikers, der wie alle religiösen Künstler
ein Wahnsinniger, ein heiliger Narr, ein latter-day Don Quichote war,
stehen die wenigen Besucher kopfschüttelnd oder heftig nickend,
oft beides in kurzen Intervallen. Dem Rezitationskünstler wohl
verwandt in seiner an Abgründen siedelnden freundlichen Naivität,
die weiß, daß es mit ihr nicht geht, und daß es
ohne sie nicht geht. Der seine großartigen Bildnisse anders
als der Photograph Wenders nicht durchweg durch große Formate
erreicht. Es ist oft das Unvollendete und Skizzenhafte, das Spencers
Bilder so eindringlich macht, die das Perfekte unerwartet durchkreuzende
Linienführung und Flächenkomposition, eine milde Karrikatur,
eine schief sitzende Tweed-Jacke, ein vor den Augen Jesu in der Wüste
eine Gazelle zerfleischender Adler. [6] Und nun Stanleys Auferstehung
der Toten, insbesondere seine Feder und Tuschezeichnung von 1923,
[7] diese letzte wilde Obszönität und Tröstung der
Moderne. Sie kriechen hervor, sie fahren nicht auf. Wie in einem Gedicht "Blossoms
of grief and charity Vielleicht bleibt
dies furchtbar schöne Gestammel der noch halbwegs Davongekommenen
- dem Kern des Skandalon nahe. Wie im "Himmel über Berlin",
in dem der angehende Doctor Divinity Wenders [10] ebenfalls den heiligen
Narren gab und der schmerzhaft geteilten Stadt, die zugleich die Stadt
der Wannsee-Konferenz war, mit Engelszungen Menschlichkeit zusprach:
"Engel. zeigen uns die besseren Menschen, die wir sein könnten.
Und das kann furchterregend sein, weil es unser Versagen oder unseren
Kindheitsverlust schmerzhaft spürbar macht." [11] Den meisten
'Pictures from the Surface of the Earth' fehlt es indessen daran.
In ihnen liegt zuviel Pennäler-Abenteuer, zuviel naturgeschichtliche
Größe, zuviel Wellness-Meditation, zuviel Kunstpostkarte.
Wichtige Orte und Personen, so will mir scheinen, sind von Wenders
Panoramakamera noch - und wieder - zu entdecken. Anmerkungen:
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Alle Rechte beim Autor und VL Museen
Dokument erstellt am 24.2.2004