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ZEIT: Mythos, Phantom,
Realität
Oberösterreichische
Landesausstellung 2000 Website: Rezensiert von |
| Das
Ausstellungskonzept
Die diesjährige oberösterreichische Landesausstellung hat sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, das omnipräsente, aber im Alltagsleben selten reflektierte Phänomen der Zeit auf verschiedenen Ebenen erfahrbar zu machen. Die Ausstellung möchte, wie ihr wissenschaftlicher Leiter, Prof. Dr. Wolfgang Müller-Funk, in der Einleitung zum Katalog schreibt, dazu einladen, „sich die Unselbstverständlichkeit von Zeit zu vergegenwärtigen", d.h., sich bewußtzumachen, daß die Zeit etwas ist, das sich der Mensch selbst geschaffen hat. Den Ausgangspunkt bildet dabei das Zeitverständnis des Augustinus, der als erster philosophischer Denker die Erfahrung des Menschen mit der Zeit verbalisiert hat. Für ihn ist die Zeit eingelassen in die subjektive Befindlichkeit des Menschen; sie ist erinnerte Vergangenheit, erlebte Gegenwärtigkeit und erwartete oder befürchtete Zukunft. Der Titel der Ausstellung, der auf den ersten Blick schwer verständlich erscheinen mag, ist diesem Nachdenken und Meditieren des Augustinus gleichsam nachgestellt: Die Zeit ist ein Mythos, da der Mythos als ein zeitlich strukturierter Geschehensablauf, als Erzählung und Narrativ, und die Zeit sich wechselseitig bedingen. Mit anderen Worten: Indem Augustinus in seinen „Confessiones" sein Leben erzählt, setzt er die Zeit für sich in die Welt. Zudem werden in den „Confessiones" erste Ansätze jenes linearen Zeitbegriffs erkennbar, der unser modernes europäisches Zeitbewußtsein prägt. Gleichzeitig ist die Zeit aber auch ein Phantom, das nur in unserer Vorstellung existiert. Sie ist ein „Hirngespinst", eines der mächtigsten, die die Menschheit je hervorgebracht hat, und aufgrund dieser sozialen Mächtigkeit stellt die Zeit auch eine soziale Realität dar, die man nicht ungestraft beiseiteschieben kann, da alle modernen Institutionen und Bürokratien auf der Herrschaft des „ephemeren Tyrannen" ( Georg Simmel ) der Zeit basieren. Die oberösterreichische Landesausstellung zeichnet ein detailliertes, vielschichtiges Portrait dieses „ephemeren Tyrannen", indem sie unterschiedlichste Aspekte des Phänomens der Zeit thematisiert und dabei wissenschaftlich-rationale Präsentationsformen gekonnt mit künstlerischen Installationen verbindet. So wird beispielsweise anhand verschiedener Kalendarien das Zeitbewußtsein in den außereuropäischen Kulturen dargestellt und mit dem christlichen Zeitverständnis kontrastiert. Eine Auswahl von Zeitmeßgeräten aus mehreren Jahrhunderten illustriert die Entwicklung einer immer genaueren Zeitmessung, die mit der Ablösung von mythischen Zeitvorstellungen durch neuzeitliche „Fortschrittsmodelle" einherging. Dieser Prozeß wurde nicht zuletzt durch die Klöster befördert, da die systematische Gliederung des mönchischen Lebens nach einem Zeitschema Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit zu einem Ideal erhob und damit eine Präzisierung der Zeitmessung erforderlich machte. Der Ausstellungsort, das Minoritenkloster in Wels, ist daher eng mit der Geschichte der Zeit verbunden. Neben der Vergangenheit bilden jedoch auch die beiden anderen Momente des Zeitlichen, Gegenwart und Zukunft, Eckpunkte der Ausstellung: Das interaktive Erlebnisprojekt „Time Explorer" ermöglicht es den Besuchern, am Beispiel der Stadt Linz selbst die Weichen für die künftige Entwicklung zu stellen, d.h. es öffnet Fenster in eine mögliche Zukunft. Zur Konstruktion dieser Zukunftsbilder werden Einschätzungen zur Entwicklung der Technologie, der Wirtschaft, der Politik und der Kultur, aber auch persönliche Haltungen und Weltbilder abgefragt, die vom Computer in anonymisierter Form ausgewertet und entsprechenden Zukunftsszenarien zugeordnet werden. Diese Szenarien werden dann auf ein Computermodell der Stadt Linz übertragen. Um dem Besucher auch die Gegenwart, also das Hier und Jetzt des Ausstellungsbesuchs, bewußtzumachen, wurde im Innenhof eine überdimensionale stilisierte da Vinci-Figur installiert, die sich im Kreis dreht und dabei einen Zeiger bewegt, der Spuren in den sandbedeckten Boden zeichnet. Das ganze Gebäude wird damit zu einer riesigen Uhr erklärt, die eine eigene Ausstellungszeit verkündet. Auch die in den Ausstellungsräumen angebrachten Uhren sind von besonderer Gestalt: Während das Zifferblatt auf der einen Seite die normale mitteleuropäische Zeit anzeigt, gibt die andere Seite der Uhr die empfohlene Zeit für den Ausstellungsbesuch an, die nach Ansicht der Veranstalter anderthalb Stunden betragen soll - eine Zeitspanne, die mir angesichts der Größe und Komplexität der Landesausstellung äußerst knapp bemessen erscheint ... Wieviel „Lebenszeit" der Besucher tatsächlich in der Ausstellung verbracht hat, erfährt er schließlich am Ausgang, wo seine Aufenthaltsdauer mit Hilfe eines Scanners von seiner Eintrittskarte abgelesen wird. Der Ausstellungsrundgang Die Ausstellung beginnt mit einer künstlerischen Installation, dem sogenannten „Zeitschiff", auf dem der Besucher durch Raum und Zeit zu gleiten scheint. Zitate aus dem XI. Buch der „Confessiones" verweisen auf die grundlegende Bedeutung der Reflexionen des Augustinus für unser heutiges Zeitverständnis, das als abstrakt, linear und rational zu charakterisieren ist. Daß dieser Zeitbegriff nur einer unter vielen ist, demonstriert der erste Themenkomplex, der unter der Überschrift „Die Zeit der Kulturen" steht. Am Beispiel der australischen Aborigines, der Hopi und der Bewohner von Papua Neuguinea ( Neu-Irland ) wird das Zeitbewußtsein in verschiedenen außereuropäischen Kulturen erläutert, wobei die ausgestellten Exponate jedoch meist keinen direkten Bezug zum Zeitverständnis haben, sondern lediglich folkloristischer Natur sind. Beim Verlassen dieser Ausstellungsräume stößt der Besucher erstmals auf den „Zeitatlas", der von nun an zum Leitsystem der Ausstellung wird: Eine an die Wand projizierte Zeitlinie von Christi Geburt bis zum Jahre 1994, die aus dem Werk „Zeitatlas. Synchronoptische Weltgeschichte" von Arno Peters entnommen wurde, gibt die Richtung des Ausstellungsrundgangs an und zeigt dem Besucher, an welcher Stelle in der Chronologie er sich jeweils befindet. Es folgt ein thematischer Block zur Geschichte des Kalenderwesens im abendländischen Bereich, der vor allem auf den Übergang vom Julianischen zum Gregorianischen Kalender im Jahre 1582 eingeht. Wieviel propagandistischer Aufwand erforderlich war, um den „papistischen Kalender" auch in den widerstrebenden protestantischen Territorien durchzusetzen, illustriert die eindrucksvolle Sammlung von Kalenderbüchern im ehemaligen Refektorien. Zwar gibt es auch Exponate zu anderen Kalendern, wie z.B. einen Taschenkalender von 1996, der die europäisch-christliche und die arabische Zeitrechnung nebeneinanderstellt, doch fehlt leider ein Hinweis darauf, daß es auch in Europa im Zusammenhang mit revolutionären Umwälzungen mehrfach zu Versuchen kam, neuartige eigenständige Kalender einzuführen. Diese konkurrierenden Systeme, der französische Revolutionskalender, die faschistische Ära Mussolinis und der russische Revolutionskalender Stalins, werden nur im Katalog erwähnt ( S. 59 ). Eine Zusammenstellung assoziativ gesammelter Komposita zu „Zeit" in einem separaten Raum ( u.a. „Behalten hat seine Zeit", „Steine wegwerfen / Steine sammeln hat seine Zeit" ) durchbricht diesen Themenkomplex und lädt den Besucher, wie schon das „Zeitschiff", wieder zur Reflexion über sein eigenes subjektives Zeitempfinden ein. An dieser Stelle wäre es denkbar gewesen, die sprachlichen Komposita durch Sprichwörter und alltägliche Wendungen zum Thema Zeit zu ergänzen und dabei evtl. auch den Besuchern die Möglichkeit zur Mitwirkung zu geben. Ein anderer Bereich der Ausstellung ist dem Zeitverständnis verschiedener Religionen gewidmet, das durch diverse Requisiten wie Ramadan- und Chanukkaleuchter und ein buddhistisches Lebensrad verdeutlicht werden soll. Als Gemeinsamkeit aller dargestellten Religionen wird erkennbar, daß am Beginn der Zeitrechnung ein wichtiges heilsgeschichtliches Ereignis steht; unterschiedlich ist hingegen die Zeitauffassung: Während ein zyklisches Zeitverständnis typisch für außereuropäische Religionen ist, dominiert in den europäischen die Linearität des Lebenslaufs. Ein Sinnbild dieses linearen Zeitbegriffs ist die „Lebenstreppe", die die verschiedenen Stationen des Lebenslaufs beider Geschlechter mit normativem Anspruch darstellt, wobei das Alter von 50 Jahren als Höhepunkt in der individuellen Entwicklung gilt. Auf seinem Weg durch den Kreuzgang des Minoritenklosters begegnet der Besucher immer wieder einer künstlerischen Installation mit dem Titel „Augenblicke: 24 Momente des Alltags", die das Vergehen der Zeit am Beispiel von Objekten aus dem täglichen Leben sichtbar macht: In Einmachgläsern, die auf den Fensterbänken stehen, befinden sich u.a. ein Wecker, ein Taschenkalender von 1987, eine alte Zeitung und eine verwelkte Rose sowie verschiedene Exponate, die mit dem Datum der Ausstellungseröffnung versehen sind, wie z.B. ein Glas mit Rotwein, ein verwesender Apfel und eine Zigarre. Die Anzahl der Objekte könnte darauf hindeuten, daß mit dieser Installation evtl. zugleich ein Adventskalender anzitiert werden soll. Der nächste inhaltliche Komplex befaßt sich mit Astronomie und Zeitmessung. Diese beiden Wissensgebiete sind nicht voneinander zu trennen, da der Fortschritt der Astronomie, dem drei Ausstellungsräume gewidmet sind, die exakte Meßbarkeit von Zeit, d.h. eine abstrakte, mathematische, gleichförmige Zeitbestimmung, erst möglich machte. In den folgenden zwei Räumen, die unter dem Motto „Zeitbrüche" stehen, wird der Besucher durch eine sparsame, Besinnlichkeit und Ruhe ausstrahlende innenarchitektonische Gestaltung zur Erfahrung des Augenblicks und zur Unterbrechung des Ausstellungsrundgangs angeregt. Anschließend wird im Raum „Stimme der Propheten" erläutert, daß die wichtigste Funktion der sogenannten „Propheten" darin bestand, sensible Beobachter ihrer eigenen Zeit zu sein, also auf die Fehler und Irrtümer der Gegenwart hinzuweisen und zu einer rechtzeitigen Umkehr aufzurufen. Die Bedeutung des Klosters als Ausgangspunkt der modernen Zeitrechnung wird in der Schreibstube der Minoriten dargestellt, die durch die an der Wand aufgereihten Schreibpulte gleichzeitig auf die Kopiertätigkeit der Mönche verweist. Über die Geschichte des Welser Klosters informiert ein eigener Raum. Unter der Überschrift „Das Dritte Reich" wird nachgezeichnet, wie das Konzept des Joachim von Fiore, der nach dem „Reich des Alten Testaments" und dem „Reich des Neuen Testaments" ein „Reich des Heiligen Geistes" erwartete, im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen Denkern adaptiert und schließlich durch den Nationalsozialismus pervertiert wurde. Der Übergang zu den unterschiedlichen Zeitmeßgeräten, die in den nächsten drei Räumen ausgestellt sind, wirkt nach diesen sehr komplexen Überlegungen zur Problematik der Rezeption von Ideen im Wandel der Zeit etwas abrupt. Ohnehin ist es irritierend, daß die Ausstellungsräume zur Astronomie so weit von den Räumen zur Zeitmessung entfernt sind, wo doch gerade der enge Zusammenhang beider Disziplinen betont werden soll. Dieser Umstand ändert jedoch nichts daran, daß die Sammlung von Sand-, Sonnen-, Öl-, Wasser- und Kerzenuhren eine ganz eigene Faszination besitzt. Die Präsentation der verschiedenen abstrakten und naturbezogenen Zeitmeßgeräte wird durch bildliche Darstellungen uhrzeitgebundener Situationen im bürgerlichen Tagesablauf ( Frühstück und Vieruhrtee ) ergänzt, auf denen Uhren zu sehen sind. Diese Bilder bringen zum Ausdruck, daß der frühneuzeitliche bürgerliche Alltag uhrzeitlich geregelt sein mußte, um nicht als unmoralisch zu gelten. Den Beginn dieser „Veruhrzeitlichung" des Alltagslebens markiert die Entstehung des mechanistischen Weltbildes in der Renaissance, der die folgende Station des Ausstellungsrundgangs gewidmet ist. Die Uhr wurde damals zum zentralen Modell für geordnete, sich selbst regelnde Prozesse überhaupt; sie galt als „kleines All" und als Symbol des menschlichen Körpers. Leider erweist sich der in der Mitte des Raumes befindliche Mühlradmechanismus als unpassende Versinnbildlichung des an der Uhr orientierten mechanistischen Weltbildes, da das Mühlrad im Gegensatz zur Uhr eine gleichmäßige, ununterbrochene Bewegung ausführt, die nichts zählt. Etwas befremdlich wirkt auch der Raum zum „Goldenen Zeitalter", da die Auseinandersetzung mit den Konzeptionen dieses Zeitalters in verschiedenen Kulturen aus nicht nachvollziehbaren Gründen mit der Präsentation einer frühneuzeitlichen „Wunderkammer" eines Adligen kombiniert wird, in der exotische „Kuriositäten" wie z.B. Narwalzähne ausgestellt sind. Im weiteren Verlauf des Rundgangs erlebt der Besucher die immer stärkere Verwissenschaftlichung der Zeitmessung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, deren Beginn auf die Erfindung der Pendeluhr in der Mitte des 17. Jahrhunderts zu datieren ist. Mit der Konstruktion der Pendeluhr erreichte die Zeitmessung eine vorerst nicht überbietbare Präzision, die dazu führte, daß das Wort „Sekunde" in den allgemeinen Sprachgebrauch überging. Im 19. Jahrhundert wurde erstmals eine graphische Methode der Zeitmessung, d.h. die Verwandlung der Zeitspanne in eine räumliche Strecke, entwickelt, die u.a. in den Experimenten des Physiologen und Physikers Hermann Helmholtz zur Nervenleitgeschwindigkeit angewandt wurde. Das eigens für diese Versuche konstruierte Gerät, das in der Ausstellung betrachtet werden kann, nannte Helmholtz „Myograph" ( Muskelschreiber ). Jules-Etienne Marey griff die graphische Methode auf und überführte sie in das Aufzeichnungsverfahren der Chronophotographie: Durch die Zerlegung von Bewegungsabläufen in Details wird eine Visualisierung des Zeitablaufs der Biologie in Serienphotographien ermöglicht - eine Technik, als deren „Nebenprodukt" später der Film entstehen sollte. Der Rundgang, der aufgrund der Größe der Landesausstellung ( insgesamt 39 Stationen ) im Rahmen einer Rezension leider nicht vollständig beschrieben werden kann, endet in der Stiftskirche, die von oben her erschlossen wird: Unter der Überschrift „Zeit und Philosophie" sind Reflexionen verschiedener Denker zum Thema Zeit auf schwarzen Tafeln mit weißer Schrift abgedruckt, die nach unten hin immer kleiner und schließlich unleserlich wird - ein weiterer Verweis auf die Vergänglichkeit aller menschlichen Hervorbringungen. Zugleich führt die Zusammenstellung der Texte dem Besucher die Schnittstellen zwischen Zeit und Naturwissenschaft vor Augen, da neben Philosophen und Psychologen auch Naturwissenschaftler wie Einstein und Hawking vertreten sind. Der Raum wird dominiert durch eine breite schwarze Treppe, die in den Himmel - oder auch ins Nichts - führt. Im unteren Teil der Stiftskirche befindet sich ein „Renaissancegedächtnistheater", das den Rückgriff der Renaissance auf wichtige Wissensbereiche und mythologisches Gedankengut aus der Antike symbolisieren soll. Im Hintergrund läuft ein Tonband mit Erklärungen zu den Begriffen, die auf den Sitzreihen des „Theaters" auf Glastafeln zu lesen sind. Obwohl diese Station im Katalog als „Höhepunkt auf dem Fluß der Zeit" ( S. 343 ) angekündigt wird, bleibt der Bezug des Gedächtnistheaters zum Thema der Ausstellung recht vage. Abgerundet wird die Präsentation in der Stiftskirche durch einen kunsthistorischen Rundgang mit Darstellungen zum „Vanitas"-Motiv und durch eine in Betrieb befindliche „Tinguelymaschine", eine Installation des Schweizer Künstlers Jean Tinguely, der zahlreiche Maschinen konstruierte, die in ihrem reibungslosen, mechanischen Ablauf, der nichts produziert, teilweise mit einem Uhrwerk vergleichbar sind. Wer sich genauer über die Geschichte des Minoritenklosters informieren möchte, kann einen Besuch der archäologischen Ausstellung zum Stift im Kellergeschoß anschließen, die jedoch trotz gegenteiliger Behauptungen nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der ZEIT-Ausstellung steht. Das Resümee des Ausstellungsrundgangs fällt sehr positiv aus; die bereits angemerkten kleineren Kritikpunkte fallen angesichts des enormen Umfangs der Ausstellung kaum ins Gewicht und vermögen den Gesamteindruck nicht zu beeinträchtigen. Sehr gelungen erscheint mir die Verbindung von wissenschaftlich fundierter, gut verständlicher Informationsvermittlung und künstlerisch-assoziativen Darstellungsweisen, die dem Besucher immer wieder die Möglichkeit des Innehaltens und der Konzentration auf seinen persönlichen Umgang mit der Zeit geben. Angenehm ist auch die sehr übersichtliche Besucherführung, wobei jedoch anzumerken ist, daß die durch den Zeitatlas vorgegebene Chronologie immer wieder durch längsschnittartige, systematische Darstellungen einzelner Themenkomplexe durchbrochen wird, was gelegentlich zu recht sprunghaften Übergängen führt. Große Sensibilität beweisen die Veranstalter bei der Anordnung der Exponate, die auf jede Überfrachtung verzichtet und dadurch auch die reizvolle Architektur des Gebäudes zur Geltung kommen läßt. Ein Aspekt des Phänomens der Zeit, der in der Ausstellung nicht berücksichtigt wurde, ist das Erleben von Langeweile oder Monotonie, das evtl. durch ein Tonband mit einer Zeitansage oder mit gleichbleibenden Geräuschen über einen längeren Zeitraum, z.B. dem Besetzzeichen im Telefon, hätte ermöglicht werden können. Doch ein so umfassendes Thema wie die Zeit, das ohnehin kaum in den Rahmen einer Ausstellung zu zwängen ist, macht eine Beschränkung auf bestimmte Aspekte unvermeidlich. Abschließend möchte ich den Besuch der oberösterreichischen Landesausstellung unbedingt empfehlen und den Worten des Ausstellungsarchitekten Hans Hoffer mit Überzeugung zustimmen: „Die Besucher gehen mit dem Gefühl, einige Zeit mit der „Zeit" verbracht zu haben, um vielleicht in Zukunft mit der zur Verfügung stehenden „Eigenzeit" bewußter umzugehen." ( Katalog, S. 343 ). Der Katalog Wolfgang Müller-Funk ( Hrsg. ): ZEIT: Mythos, Phantom, Realität, Wien / New York 2000, ISBN 3-211-83417-6. Der über 450 Seiten starke Katalog, der vom wissenschaftlichen Leiter der Ausstellung, Prof. Dr. Wolfgang Müller-Funk, herausgegeben wurde, ist zum Preis von 330 ATS in der Landesausstellung und im Fachhandel erhältlich. Er versteht sich nach Ansicht des Herausgebers zum einen als Ausstellungsbegleiter und zum anderen als Handbuch, das die Endlichkeit dieser Ausstellung überdauern soll. Neben einer vollständigen Beschreibung der gezeigten Objekte mit ausgewählten Abbildungen enthält er Beiträge zu sämtlichen Themenbereichen der Ausstellung sowie einige Aufsätze, die den Ort der heutigen gesellschaftlichen und theoretischen Diskussion über die Zeit abstecken. Im einzelnen werden folgende Themenkomplexe behandelt: Nach einer Einleitung des Herausgebers, die den Titel der Ausstellung erklärt, geht es unter der Überschrift „Zeitkulturen" zunächst um die Zeitvorstellungen in verschiedenen Gesellschaften und Religionen, bevor im zweiten großen Kapitel, „Chronologie und Gedächtnis", auf den Zusammenhang von Zeit und Geschichte und die Bedeutung bestimmter „Heiliger Jahre" eingegangen wird. Der Titel „Die okzidentale Zeit" versammelt Aufsätze zur christlichen Heilsgeschichte, zur Prophetie in der Bibel und zu Dürers Apokalypse. Im nächsten Kapitel, „Die „leere" Zeit", werden die zunehmende Verwissenschaftlichung der Zeitmessung und die fortschreitende „Veruhrzeitlichung" des Alltagslebens thematisiert. Die Rubrik „Die Zukunft der Zeit" dient der Reflexion des heutigen Zeitbewußtseins, das vor allem durch das ständige Gefühl dominiert wird, keine Zeit zu haben. An das Kapitel „Die Zeit und die Künste", das sich u.a. mit verschiedenen künstlerischen Avantgardebewegungen beschäftigt, schließt sich ein Epilog über die Zeit der Apokalypse an. Auf diese thematischen Blöcke folgt ein Teil „Zur Ausstellung", der ergänzende Informationen über die Geschichte des Ausstellungsortes liefert und die Gestaltung und Konzeption der Ausstellung näher erläutert. Die Lektüre dieses Teils ermöglicht ein tieferes Verständnis der Ausstellung und vermag evtl. auch als Anregung zu einem zweiten, bewußteren Besuch dienen. Positiv hervorzuheben sind vor allem das hervorragende Niveau der wissenschaftlichen Beiträge, die weiterführenden Literaturhinweise, die detaillierten Angaben zu den Exponaten und die hohe Qualität der Abbildungen. Bedauerlicherweise findet sich jedoch die Verbindung von wissenschaftlicher und künstlerischer Herangehensweise an das Thema der Ausstellung im Katalog nicht wieder, da keine der künstlerischen Installationen abgebildet oder beschrieben wird. Auch ein Hinweis auf die homepage der Landesausstellung wäre wünschenswert gewesen. Die Internetpräsentation Die aufwendig gestaltete homepage der Ausstellung beginnt mit der Rubrik „Die Zeit", die in den Kapiteln „Der Mythos", „Das Phantom" und „Die Realität der Zeit" den Titel der Ausstellung und das zugrundeliegende Konzept erläutert. Dabei fällt jedoch auf, daß der Text zur „Realität der Zeit" sehr viel allgemeiner gehalten ist und wie eine selbständige Publikation wirkt. Tatsächlich kann er unter einer anderen Adresse ( www.welsheute.at/land2000/realitaet.htm ) separat aufgerufen werden. Unter der Überschrift „Zeitenwende" verbirgt sich anschließend der Text eines Faltblatts zur Ausstellung, d.h. es handelt sich ebenfalls um einen allgemeinen, stark auf Werbewirksamkeit angelegten Einführungstext in die Ausstellung, der auf das eigentliche Thema des Kapitels, die „Zeitenwenden", nur am Rande Bezug nimmt. Der Besucher der homepage, der die Kapitel der Rubrik „Zeit" im Zusammenhang liest, sieht sich dadurch mit ständigen unnötigen Wiederholungen konfrontiert. ( Ein weiterer, etwas ausführlicherer Einführungstext zur Landesausstellung findet sich übrigens unter der Adresse www.oeaab.at/frei/04_2000/stories/zeit.htm ) Das nächste große Kapitel, „Die Stadt", informiert über Ausflugsziele und Veranstaltungen in und um Wels und macht auf ein Gutscheinheft mit Einkaufsvorteilen für Besucher der Ausstellung aufmerksam. Die Rubrik „Katalog" bietet eine inhaltliche Gliederung des Ausstellungskatalogs und einen Abdruck des einleitenden Beitrags von Prof.Dr. Müller-Funk. Weitere Hinweise auf kulturtouristische Begleitprojekte und Rahmenveranstaltungen während der Dauer der Ausstellung gibt es in den Kapiteln „Rahmenprogramm", „Begleitprojekte" und „Zeitreise". Von besonderem Interesse ist das Kapitel „Symposien", das die begleitende Symposienreihe „Zeit-Denken" präsentiert und Anmeldeformulare zu den einzelnen Veranstaltungen zur Verfügung stellt. Das letzte Symposion dieser Reihe, die sich an verschiedenen Veranstaltungsorten in Oberösterreich mit ausgewählten Aspekten der Zeitthematik auseinandersetzt, findet am 12. Oktober in Linz statt; das Thema des Abends ist die „Zeit des Gedächtnisses". Zu dieser Symposienreihe ist eine CD mit Interviews der Referenten erschienen, die zum Preis von 199 ATS in der Ausstellung selbst, in den ORF-Shops und im RadioKulturhaus Wien erhältlich ist. Möglich ist auch eine online-Bestellung der CD; der Hinweis darauf findet sich auf der homepage in der Rubrik „Preise". Diese Rubrik nennt neben den Eintrittspreisen auch die Öffnungszeiten der Ausstellung und informiert über Führungen, Anreise und Parkmöglichkeiten. Unter der Überschrift „Kontakt" sind die Adressen des Instituts für Kulturförderung in Linz und des Tourismusverbands Wels zu finden, die für ergänzende Informationen zur Verfügung stehen. Ein „Gästebuch" mit via email eingesandten Kommentaren von Ausstellungsbesuchern und verschiedene links, u.a. zu einer prämiierten website zum Phänomen der Zeit, runden die Internetpräsentation der Landesausstellung ab. |
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Dokument erstellt am 26.10.2000